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Fliegende Volksbühne "Datterich" Mer sin geschwolle, Freindche

Die Fliegende Volksbühne spielt Niebergalls „Datterich“ zum Abschied vom Cantate-Saal mit Liebe zum Detail und viel Geduld.

20.02.2015 16:49
Katja Sturm
Zeitungsleser in Niebergalls "Datterich", gespielt nun von der Fliegenden Volksbühne. Foto: Wolfgang Runkel

Es ist das letzte Stück, das im Frankfurter Cantate-Saal zu sehen sein wird, bevor dort Ende Mai für den Umbau der Goethehöfe erst einmal der Vorhang fällt. Vielleicht nehmen sich Michael Quast und seine Co-Regisseurin Sarah Groß deshalb so viel Zeit für ihren „Datterich“, um die feste Bleibe für die eigentlich vagabundierende „Fliegende Volksbühne“ noch einmal richtig auszukosten. Denn die vom 200. Geburtstag des Verfassers Ernst Elias Niebergall in diesem Jahr inspirierte Inszenierung der Darmstädter Lokalposse schreitet bisweilen aufreizend ruhig voran.

Der gebürtige Offenbacher Hans Diehl, selbst immerhin schon 74 Jahre zählend, spielt den gebildeten Schnorrer und Säufer unaufgeregt, aber leider bisweilen zu leise. Manche Pointe des im südhessischen Dialekt verfassten Bühnenstücks bleibt nicht nur deshalb unverstanden.

Doch das gemächliche Tempo lässt viel Raum für die große Stärke des Stücks: das Mienenspiel seiner Darsteller. Auf der Basis aufwändiger Masken (verantwortlich: Katja Reich) werden die einzelnen Charaktere so vortrefflich überzeichnet, dass jeder einzelne Augenblick sich lohnt. So sitzt Datterich gleich zum Auftakt mit seinen Kumpanen, darunter der wunderbar schiefe und steife Spirwes (Philipp Hunscha), beim gemeinsamen Kartenspiel im Wirtshaus, und noch bevor ihm auch nur eine Silbe seines berühmten ersten Satzes, „Mer sin geschwolle, Freindche“, über die Lippen geht, ist eine der witzigsten Passagen des Abends schon vorbei. Wie das Zocker-Quartett einander belauert, sich gegenseitig in die Karten guckt, ist ganz große Komik und in dieser Intensität nur selten zu bewundern.

Für einen Maler posieren

Überhaupt ist es der Hang zum Detail, der aus der sich über knapp drei Stunden dehnenden Handlung hervorsticht. Inmitten der durch Lichtschablonen mühelos zwischen Schankraum, Dummbachs Wohnzimmer und Datterichs verwahrloster Bleibe wechselnden Kulissen (Bühne: Anna Sophia Blersch) werden die Kleingruppen des aus 20 Darstellern und damit für ein Volksstück ungewöhnlich großen Ensembles liebevoll arrangiert. Ganz so, als würden sie für einen Maler posieren. So entstehen Bilder, die mehr Wirkung entfalten und zum Lachen reizen, je länger man sie anschauen darf.

Die Szenenwechsel geben dem Ganzen einen spielerischen Rahmen. Da schiebt ein junger Mann im Halbdunklen Tische und Stühle hin und her, und die für Ordnung sorgende Wirtin muss schon mal Frau Dummbach wachrütteln, damit diese endlich aus der eigenen Wohnung verschwindet.

Quast selbst gibt den zeitungssüchtigen und wissensdurstigen Drehermeister, und obwohl sämtliche Rollen meisterlich besetzt sind, dominiert er ob seiner Präsenz das Geschehen, sobald er die Bühne betritt. Polternd politisierend und seinen Haushalt mit deutlicher Sprache regierend, stellt er so einen krassen Gegensatz zum eigentlichen Protagonisten dar, der unauffälliger und unsicherer daherkommt. Doch gerade das sorgt für den Rhythmuswechsel, der nötig ist, damit dieser gestreckte „Datterich“ trotz allem keine Längen bekommt.

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