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Familienoper Goldilock in der Barbie-Diamantschloss-Kutsche

Im Nationaltheater Mannheim ist Gioacchino Rossinis „La Cenerentola“ eine einzige große Albernheit. Passt schon.

Gezerre unter Geschwistern
Gezerre unter Geschwistern. Foto: Hans Jörg Michel

Es sieht aus wie ein Weihnachtsmärchen, ist aber große Oper, ist aber nicht „Hänsel und Gretel“. Es passiert viel Quatsch, es passiert eigentlich ausschließlich Quatsch, es wird aber exquisit musiziert dazu, und wenn ein bravouröser Auftritt von Prinz Goldilock droht, im Gelächter unterzugehen, zeigt sein Diener ein Schild mit der Aufschrift „Ziemlich hoher Ton“. In der Oper laut zu lachen, ist aus guten Gründen unüblich, die hier trotzdem nicht zählen. Dafür ist das muntere Knäblein eine Reihe weiter hinten nach Öffnung des Vorhangs unerwartet still, womöglich aus berechtigter Sorge, etwas zu verpassen.

Cordula Däupers Inszenierung von Gioacchino Rossinis Aschenputtel-Variante „La Cenerentola“, eine Produktion aus Bern, die jetzt am Nationaltheater Mannheim Premiere hatte, ist ein Test, der vorerst erfolgreich verlief. Kann man eine Rossini-Oper als „Familienoper“ deklarieren und durchführen, ohne ein erwachsenes Publikum zu verdrießen? Ja. Man sollte das nicht überstrapazieren und nicht zu oft machen, aber: Ja. Es ist wirklich albern, dass Prinz Goldilock in einer überdimensionalen Barbie-Diamantschloss-Kutsche auf die Suche nach Aschenputtel geht, aber: Ja.

Däuper, hierin einig mit Rossinis Komposition, sorgt für ständige Bewegung, nicht nur unter den Akteuren, sondern auch auf der schmucken, quasi edelsteingerahmten Texttafel für die Übertitel – „La Cenerentola“ heißt in Mannheim „Aschenputtel“, es wird aber auf Italienisch gesungen –, in die respektlos reinkommentiert wird. Manchmal gibt es auch bloß eine Zusammenfassung. Wer weiß schon immer ganz genau zu sagen, warum sich schon wieder alle in ein Rossini-Crescendo hineinsteigern.

Die Handlung selbst wird texttreu erzählt, mit einem Riesenbuch, in dem winzige Leutchen – klein ist der Mensch, groß ist das Märchen – schon während der Ouvertüre blättern, nachher dann mit einschlägigen Schuhchen, mit Kronen in unterschiedlichen Ausführungen (Gold, Plastik), mit spektakulären Ballkleidern (wobei Cenerentolas Geschmack eine eigenwillige Note behält, Kostüme: Sophie du Vinage). Cenerentolas Stiefvater (!) wohnt in Ralph Zegers Bühnenbild mit den Seinen auf einem Brennholzhaufen, nachher zieht die jungvermählte Neuprinzessin in ein Walt-Disney-Neuschwanstein um, auch hier unter Berücksichtigung der Barbie-Farben. Das wäre arg, wenn Däuper nicht alle so sehr in Fahrt brächte, dies stets im Groove der Musik und nie gegen sie, inklusive des Chores, dessen Mitglieder mit exklusiven Frisuren zappelnde Zeugen des Geschehens sind und nachher mit Vogelflügeln ausgestattet die Hochzeit umflattern. Hui, das ist albern, man kichert sich schier kaputt.

Behände an Leib und Stimme die Solisten. Sophie Rennert könnte in dieser Ausstattung auch eine kleine Hexe spielen, aber sie singt mit frappierender Akkuratesse, auch wenn Dirigent Attilio Cremonesi den Sängern bisweilen ein atemberaubendes Tempo abverlangt. Don Ramiro, der Märchenprinz, bietet bei Joshua Whitener eine nicht selbstverständliche Verbindung aus Kraft und Technik, filigran, aber mit Heldentenorelementen. Sein Kammerdiener Dandini wird mit Nikola Diskics sonorem Bariton und herrlicher Angeberei – Dandini spielt über weite Strecken den Prinzen, welcher sich inkognito unter die Gesellschaft mischt – zum Star des Abends. Cornelia Zink und Ludovica Bello schmeißen sich in die Rollen und lachhaften Garderoben der bösen dummen Schwestern, sie kreischen und sie greinen, aber wenn sie singen, hindert die Selbstironie sie nicht am engelhaften Ton. Joachim Goltz ist ohne Versehen im Bunde der dritte, der den Wünschen der Töchter und dem maßlosen Tortenverzehr nicht widerstehen kann. Valentin Anikin zieht als Alidoro die Fäden, auch wenn kaum zu glauben ist, dass das in diesem Herumgetobe möglich sein soll.

Cremonesi mag es flott, angesichts fliegender Kutschen, ungezogener Esel, von Kuchenschlachten, Ringelreihen und Haareziehen ist die Koordination nicht immer leicht, aber das Ergebnis kultiviert. Nach fast drei Stunden ist der Jubel allgemein. Nach einer Nacht ist man nicht gebildeter als zuvor, hat aber immer noch gute Laune.

Nationaltheater Mannheim: 4., 12. November, 3., 16., 17. Dezember.
www.nationaltheater-mannheim.de

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