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„Eugen Onegin“ in Wiesbaden Treibgut unter Passanten

Vasily Barkhatov inszeniert Peter Tschaikowskys „Eugen Onegin“ im Staatstheater Wiesbaden.

Eugen Onegin
In prekärer Lage: Eugen Onegin am Staatstheater Wiesbaden. Foto: Karl & Monika Forster

Ein Duell, das keines ist, und eine gutshäusliche Geburtstagsfeier, die als Schneeballschlacht und Schlittenfahrt im Freien stattfindet. Das sind die vom Libretto der „Lyrischen Szenen in drei Akten“ am deutlichsten abweichenden Eindrücke, die die Neu-Inszenierung von Peter Tschaikowskys „Eugen Onegin“ am Staatstheater Wiesbaden bereithält. Vasily Barkhatov, der 33-jährige russische Regisseur, der hier zuletzt zu den Maifestspielen 2015 Bernd Alois Zimmermanns „Die Soldaten“ auf die Bühne brachte, hat die Geschichte ganz einfach erzählt und die beiden Auffälligkeiten seiner Regie sind nichts, was eine vom Sinn des Ganzen abweichende Manipulation darstellen würde.

Die Verärmlichung des Settings wird via anfänglicher Texteinblendung mit einem Umzug der Mutter Filipjewna samt ihrer beiden Töchter Olga und Tatjana aus der zu teuren Residenzstadt begründet. Eine Rauferei zwischen den eifersüchtig gewordenen beiden Liebhabern der Töchter nach dem kalten Vergnügen auf Schlitten und Schlittschuhen samt Glühwein artet aus und bringt den Duellanten Lenski, den eigentlich Onegin erschießen soll, durch die Aggressivität von Schneeballschlachtenbummlern um. Außer der Einsparung von gutsherrlichem Interieur und Theatermunition trägt das alles nichts Nennenswertes zu einer Anderssichtigkeit des Stücks bei, was gut ist. Im Gegenteil: Gerade die Duell-Fehlanzeige vergrößert sogar noch etwas den tief in den roten Zahlen befindlichen Kontostand der Lebenserfüllung Onegins.

Dieser Prototyp des Überflüssigen, des gelangweilten, unemphatischen und indifferenten Kritikers alltäglicher Verausgabung und Erfüllung wird in seiner lebensfernen Überdurchschnittlichkeit noch gesteigert: selbst der Kraftaufwand, den Pistolen-Abzug zu bedienen, fällt aus.

Man erlebt in Wiesbaden eine unaufwändige Handlung in Datschenatmosphäre: mit durch Schiebewände bruchlos wechselnden Raumöffnungen und -schließungen und schöner, sozial distinguierter Bekleidung (Bühne: Zinovy Margolin, Kostüme: Olga Shaishmelashvili). Am fesselndsten der dritte Akt, der in einer Art Bahnhofs-Ankunftshalle spielt. Ein Wartesaal-Bereich für die „Holzklasse“ ist strikt durch Bodyguards von einer VIP-Lounge getrennt. Hier hat sich zum Umtrunk eine glamouröse Gesellschaft um das Ehepaar Tatjana und Fürst Gremin versammelt, während der mit den auf ihren Anschluss wartenden, anderen Reisenden herangespülte Onegin in der Transitzone verharren muss.

Immer weiter werden die beiden Welten angenähert und der finale Konflikt des mit sich selbst zerfallenen und bodenlosen Menschen gegenüber der einstmals von Onegin abgewiesenen Tatjana freigestellt, die trotz ihrer unabgegoltenen affektiven Spannung immer stärker wird. Zuletzt kein Knalleffekt, sondern Onegin einfach im Getriebe der Passanten weiter geschwemmtes Treibgut. Das Zentrum in stimmlicher, in personaler und gestischer Hinsicht ist Tatjana – gegeben von der aus Litauen stammenden Asmik Grigorian. Die seit letztem Jahr mit dem Regisseur der Inszenierung verheiratete Sopranistin brachte große ausdrucksintensivierende Sicherheit ins Spiel. Sowohl in der träumerischen, dann in der Zurückweisung, zuletzt auch in der verspannten Lage zwischen Onegin und Gmelin eine markante, Präsenz ausstrahlende Erscheinung ohne Fuchteleien. Dazu eine starke, raumfüllende, wohltimbrierte Stimme mit metallischem Kern. Bestens disponiert und ebenfalls stimmlich hocherfreulich Christopher Bolduc in der Rolle des Onegin. Ebenbürtig sein Freund und Feind Lenski, den Thomas Blondelle markant und stimmstark gab.

Klarheit und Intonationssicherheit bestimmten auch alle anderen Solisten. Der Chor war mächtig. Daniela Musca setzte auf orchestrale Wucht. Die lyrischen Partien bestachen ganz besonders.

Staatstheater Wiesbaden: 17., 25., 31. März; 8., 19., 22. April, www.staatstheater-wiesbaden.de

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