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Es muss auch solche geben

Nur ein Spiel? Ein Spiel! Thomas Jonigk inszeniert Ferenc Molnárs „Liliom“ in Wiesbaden mit leichter Hand.

Liliom
Liliom mit Ficsur (r.), im Hintergrund Julie und der Himmel über Budapest. Foto: Karl & Monika Forster

Das Staatstheater Wiesbaden bietet zur endenden Spielzeit einen geschwinden, luftig zarten „Liliom“. Regisseur Thomas Jonigk nimmt Ferenc Molnárs „Vorstadtlegende“ leicht. Er zeigt ein Spiel, in dem die Inszeniertheit im Mittelpunkt steht und zwei Clowns sich weitgehend erfolglos, aber engagiert als Stichwortgeber und Strippenzieher betätigen. Weder die handelnden Personen noch die zuweilen heranrollende Drehorgel hören auf Paul Simon und Atef Vogel, Witzbolde mit weißen Handschuhen, die sich mit Hut oder Kleid in weitere Figuren zu verwandeln wissen. 

Die Geheimnisse der Liebe kommen Tunichtguts zupass

Das ist ein ulkiger V-Effekt, denn Jonigk will uns damit nichts beibringen (ohnehin will er uns nichts beibringen). Er entbietet stattdessen der Konstruktion Theater einen liebevollen Gruß. Auf Lisa Däßlers unkomplizierter, heller Bretter-die-die-Welt-bedeuten-Bühne werden einfache, aber stimmungsvolle, aber schon gebrauchte Prospekte hoch- und runtergezogen: Wie man sich die Gegend um Budapest vorstellen mag, in der Ferne einmal ein Riesenrad. Sofern sich die Drehorgel in Gang setzen lässt und wirklich nur dann, ertönen ein paar Takte Musik. Nichts ist zu schmuck, alles dosiert und lässig.

 Jedenfalls wird man die Ereignisse nicht für realistisch nehmen, und dies nicht erst, wenn Liliom nachher im „Jenseits“ eintrifft. Auch ist keine Gefahr, „Liliom“ (1909 auf Ungarisch uraufgeführt, 1912 dann auf Deutsch) mit einem Werk von Ödön von Horváth zu verwechseln. Beiläufig gezeichnet bleibt in Wiesbaden die gesellschaftskritische Seite, auf der Liliom nicht nur ein Opfer seiner Keckheit, sondern auch der sozialen Zustände ist. Eigenwillig gezeichnet ist das Verhältnis zwischen den Geschlechtern. Jonigks Titelheld, Tobias Lutze, ist das Gegenteil eines massiv männlich wirkenden Haudraufs – allerdings ein erheblicher Leichtsinnspinsel und Frechdachs –, seine Julie, Kruna Savic, eine Tragödin aus einem anderen Film. An den von ihr lapidar gesprochenen Sätzen – „Es muss auch solche geben“ – hängen Bleigewichte. Allein im bedingungslosen Hin zu Liliom geht sie bisweilen wirklich aus der Reserve. Wie immer hat Liliom sie nicht verdient. Unfassbar in Wiesbaden hingegen, dass sie sich das hätte bieten lassen, geschlagen zu werden von einem solchen Tunichtgut. 

Allerdings – und hier scheinen Molnár und Jonigk sich wieder einig – geht es gewiss nicht um die Ächtung häuslicher Gewalt und die notwendige Emanzipation der Frau, sondern um die Geheimnisse der Liebe. Die spielt seit jeher solchen Tunichtguts in die Hände. Dass Lutze einen netten Jungen mit einem frechen Lachen zeigt, aber kein Mannsbild im engeren Sinne, wirkt wie ein abmildernder Kommentar zur Gewaltverharmlosung, zu der Liebe ebenfalls seit jeher fähig war. Wie alle Vorstadtkinder des Abends ist Liliom deutlich tätowiert, als ironische Macker- und Tussi-Markierung leuchten die Bilder und Schriftzeichen überall durch Däßlers Kleider von heute durch. Ironisch, weil es sich eigentlich ja weder um Macker noch um Tussis handelt. Auch Lilioms verbrecherisch eingestellter Freund Ficsur, Ulrich Rechenbach, ist ein Bubi als Möchte-gern-Ganove. 

Vieles wird sogleich ins Unwahrscheinliche und Groteske transferiert, so die Szene des schicksalshaft missglückenden Überfalls. Anderes ist intensiv und flirrend vorstellbar, beispielsweise der Anfang, der eskalierende Streit vor Frau Muskats Ringelspiel. Das liegt auch an Paul Simon, der sich hierfür in die Schaustellerin Muskat verwandelt und sehr verletzlich wirkt, was auch erforderlich ist, wenn Liliom so gar kein Schlägertyp ist. Vor allem aber liegt es an Evelyn M. Faber, die als Marie vernünftig mitschimpft, wie ihr der Schnabel gewachsen ist. Marie kennt nicht die unlogische Logik der Liebe, dafür kennt sie ihren Wolf, Benjamin Krämer-Jenster. Ohne Spott, aber mit Honigkuchenpferdlächeln lässt Jonigk die beiden ihr Eheglück vorführen.
Das Jenseits ist bloß wieder die Bühne, nur fast ohne Kulisse. Hier ändern sich die Leut’ auch nach 16 Jahren im Fegefeuer nicht grundsätzlich. Auch davon erzählt Jonigk in 100 nicht allzu schmerzlichen, aber bezaubernden Minuten.

Staatstheater Wiesbaden: 
20., 28., 30. Juni. 
www.staatstheater-wiesbaden.de

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