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Ersan Mondtag im Porträt Jede Schuld kommt zurück

Und schon wieder ist der junge, vielbestaunte Regisseur Ersan Mondtag beim Berliner Theatertreffen dabei. Wie macht der das? Ein Treffen kurz vor seinem Berlin-Debüt am Gorki-Theater.

Er sei nicht mehr so radikal wie mit 21, sagt Mondtag. Foto: Conny Mirbach

Das Treffen ist für fünf Uhr verabredet. Nachmittags, vor den Proben. Er probe jetzt nur noch abends, sagt Ersan Mondtag, dann hätten alle tagsüber frei und könnten sich um ihr Leben kümmern. In der Presse war zwar verschiedentlich zu lesen, Schauspieler seien für diesen Regisseur bloße Requisiten. Aber das stimmt nicht, sagt er. Er braucht seine Schauspieler für ein Bild-Musik-Theater, das von seiner hohen Suggestivität lebt.

Jetzt braucht er sie erstmals in Berlin für seine Inszenierung „Antigone Ödipus“ am Gorki Theater. Aber er ist in Berlin längst bestens bekannt. Er wohnt nicht nur in der Stadt, er hat hier auch seinen größten Erfolg gefeiert. Theatertreffen, vergangenes Jahr: Unter den zehn als bemerkenswert herausgepickten Inszenierungen befand sich auch eine Mondtag-Arbeit aus Kassel, das selbst entwickelte Stück „Tyrannis“. Ein Familien-Horror-Spiel ohne Worte, mit Schauspielern, die Augenmasken trugen und durch eine Angst-Puppenstuben-Welt tappten, als hängten sie an den Stricken eines bösen Gottes.

Das wurde auf dem Theatertreffen heftig beklatscht und leidenschaftlich ausgebuht. Endlich wieder ein Regisseur mit eigensinniger, streitbarer Bildsprache!, hieß es hier. Aber ist Ersan Mondtag nicht doch ein bloßer Glasperlenspieler, der sich bei Computerspielen, David Lynch und Frank Castorf bedient, um seine Bild-Maschine zu füttern?, klagte man dort. Was erzählt sein Theater dem Zuschauer überhaupt?

Ersan Mondtag, deram Dienstag zum zweiten Mal zum Theatertreffen eingeladen wurde mit seiner Berner Inszenierung „Die Vernichtung, inszeniert in diesen Tagen Sophokles und Aischylos, zum ersten Mal antike Texte. Aber er stellt keine Verse auf die Bühne, er habe, sagt er mit lässiger Entschiedenheit, einen „experimentellen Umgang“ mit der Vorlage. Fix fasst er noch einmal die grobe Handlung der vier Stücke zusammen, die für seine Inszenierung den Stoff liefern: „König Ödipus“, „Antigone“, „Ödipus auf Kolonos“, „Sieben gegen Theben“, Kerngebiet des griechischen Mythos, der Auseinandersetzung um Gewalt, Götter und Gerechtigkeit.

Es interessiere ihn daran die Unausweichlichkeit der Tragödie, sagt er. „Man sieht eine nicht veränderbare Situation. Und der Zuschauer ist nur noch angehalten, dazu eine Haltung zu entwickeln. Man kann auf das Tragödiengeschehen ja nicht einwirken.“ Das entspreche seiner Wahrnehmung von den Geschehnissen in der Gegenwart: Man kann nicht eingreifen in den Verlauf der Gegenwart, ob es um Populismus in Europa oder um den Rechtsruck in den USA gehe: „Man sieht, was kommt, man sieht auch den Punkt der Katastrophe, nämlich den neuen Faschismus, aber man hat das Gefühl, dass man nicht darauf einwirken kann.“ Er verwendet selbst das Wort „fatalistisch“, schicksalsgläubig.

Dass in den antiken Stücken die Götter als übergeordnete Instanz das Gegengewicht zu jedem vorschnellen Fatalismus spielen, darüber habe er noch nicht nachgedacht, das spiele für ihn auch keine Rolle. „Ich habe noch nie eine interessante Inszenierung eines antiken Textes gesehen“, behauptet er, „im Grunde sind die Texte als Drama ja furchtbar langweilig: Die Figuren reden in Blöcken, völlig undramatisch.“

Ihn interessiere dagegen die Urschuld, das anfängliche Vergehen des Ödipus, eine Schuld, die zu verdrängen versucht werde. „Aber das gelingt nicht: Schuld kommt immer wieder zurück.“ Das ist die Parallele zur Gegenwart.

Ersan Mondtag wird dieses Jahr 30 Jahre alt. Aber er blickt auf eine lange Geschichte als Theatermacher zurück. Nach dem Abitur hospitierte er bei Thomas Langhoff, Frank Castorf und Claus Peymann. Er war der Assistent von Vegard Vinge und Ida Müller, als diese mit ihren Totaltheater-Veranstaltungen im Berliner Volksbühnen-Prater die Szene in Atem hielten. Er hat viel gelernt dabei, er gehe deshalb auch heute noch immer wieder in die Volksbühne. Aber hundert Mal im Jahr ins Theater, das mache er inzwischen nicht mehr.

In München begann er einst ein Regiestudium, das er nach zwei Jahren mit einem Zwischenzeugnis in der Tasche aufgab, um die Gruppe „Kapitael 2 Kolektif“ zu gründen. In seiner ersten Regie ließ er Schauspieler in Roboter-Schritten an den Luxusboutiquen der Münchner Maximilianstraße entlangschreiten, übergoss sein nacktes Kollektiv mit Kunstblut in der „Sinfonie #1“, veranstaltete eine Partyreihe mit Raum-in-Raum-Konstruktionen oder Fastenbrechen via Skypeverbindung in die Türkei. Für die Pinakothek der Moderne schuf er ein Experiment über sektenhaftes Zusammenleben, die Zuschauer waren hier nur nach einer „Einreiseerlaubnis“ zugelassen. Inzwischen ist Mondtag im Stadttheater fest etabliert. Er hat zuletzt in Frankfurt und am Hamburger Thalia Theater gearbeitet.

Mit Oliver Reese, dem kommenden Intendanten des Berliner Ensemble, ist er auf vier Jahre verabredet. Hat ihn der Erfolg korrumpiert? Nein, sagt er, aber er sei nicht mehr so radikal wie mit 21 Jahren, das stimme schon. Es komme auch an einem Stadttheater kaum vor, dass man zusammensitze und überlege, was da gerade in der Welt passiert.

Das Arbeiten an so einem Haus sei vor allem von praktischen Fragen geprägt: „Wie mich die Welt beunruhigt, spiegelt sich nicht auf den Proben: Meine Beunruhigung ist nicht die des gesamten Teams.“ Ja, das finde er durchaus schade. Und ja, als freier Regisseur habe man andere Möglichkeiten. „Da gibt es keinen Intendanten, der einem sagt: Die Inszenierung muss aber im großen Haus für 600 Leute funktionieren.“

Ersan Mondtag war 17, als er sich seinen Künstlernachnamen gab und aus dem türkischen Aygün durch wörtliche Übersetzung eben Mondtag wurde. Das war eine gute Entscheidung, sagt er, weil seine türkische Identität nicht sein wichtigstes Thema sei. Sein Thema sind die ganz großen Fragen: Schuld, Verdrängung, Hoffnung. Letztlich glaube er an die Vernunft, sagt er. Auch wenn viel gegen sie spreche derzeit, aber was bleibe einem sonst?

Die Kunst werde ohnehin erst dann interessant, das sagt er auch noch, wenn sie bedroht ist, denn dann sei ein gefährlicher Zustand einer Gesellschaft erreicht. Es sind gute Zeiten für die Kunst gerade, leider.

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