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English Theatre Frankfurt Was stört, wird weggeschnipst

Das English Theatre Frankfurt zeigt „Handbagged“, eine Komödie über Margaret Thatcher und Elizabeth II.

„Handbagged“
Margaret Thatcher (l.) gerät an sich aber selten in den Hintergrund. Foto: Martin Kaufhold

Das englische Publikum interessiert sich immens für die Beziehung zwischen Elizabeth II., Jahrgang 1926, und Margaret Thatcher (1925-2013). Ein Grund dafür liegt darin, dass im Dunkeln der Geschichte verblieb, was die Königin und die Premierministerin bei ihren regelmäßigen wöchentlichen Treffen besprachen. Es verstärkt noch die Neugier, dass zur Augenhöhe der Begegnungen der beiden wichtigsten Frauen des Landes ein subtiles Gefälle kam: Die Königin und die Tochter des Kolonialwarenhändlers einerseits; andererseits die Königin und die Regierungschefin, die ihr in einer konstitutionellen Monarchie fast jedes Wort in die Feder diktieren kann. Hiesige Streitereien darüber, wie tagespolitisch sich ein Bundespräsident äußern darf, sind nichts gegen die Lage in Großbritannien, wo die Königin öffentlich Ja und Amen zu sagen hat.

2014 kam – nicht als erstes Stück seiner Art – Moira Buffinis „Handbagged“ in London heraus, die abendfüllende Ausweitung ihres eigenen, wenige Jahre zuvor entstandenen Einakters. Jetzt ist die Komödie im English Theatre Frankfurt zu sehen. „Handgetascht“ hieße das Stück auf Deutsch, gemünzt einst auf Thatchers Regierungsstil: Sie handtasche die Institutionen des Landes hieß es neckisch, gemeint war, sie schlage sie mit ihrer Handtasche. Der misogyne Beiklang ist unangenehm, aber Thatcher war es auch, und sie und die Königin bleiben in „Handbagged“ wirklich nie ohne ihre Handtaschen. Geschlagen wird nicht damit.

„Handbagged“ ist ein klassisches Dialog-Stück, ganz originell aufbereitet: Buffini lässt ihre Protagonistinnen (Kombattantinnen) in verschiedenem Alter gleichzeitig auftreten, so dass sie immer auch untereinander weiterreden können. Dazu kommen ein paar Männer mit multiplen Aufgaben, die zugleich als dafür engagierte Schauspieler auftreten und damit die Stimme des Volkes, um nicht zu sagen: des Prekariats übernehmen. In Frankfurt sind das Phil Adele und Mark Huckett, als Nancy und Ronald Reagan, als Neil Kinnock, Denis Thatcher, Gerry Adams und so weiter. Ein Spaß, der davon lebt, dass man die Figuren nicht erst wiedererkennt, wenn ihre Namen genannt werden. Esther McAuley und Georgina Sutton sind die jüngere und ältere Queen, Genevieve Swallow und Claire Vousden die jüngere und ältere Thatcher. Bei der Ähnlichkeit müssen Perücken helfen. Verblüffend überzeugend ist das Ergebnis bei der älteren Elizabeth, freilich wird man sie hierzulande am ehesten im Blick haben. Aber weit in die Zeitgeschichte führen die Szenen zurück: Simbabwe, Falkland-Krieg, Arbeiterstreiks, Brighton-Anschlag, IRA, Charles und Diana, nachher der lange Weg zum Verlust der Macht. Der Macht Thatchers. Könige bleiben. In einem Salon umtänzeln sich die Figuren mit Worten, mal devot, mal frech, mal genervt, oft ausweichend, gelegentlich frontal. Wenn es ihnen selbst zu direkt vorkommt, leugnen sie anschließend alles.

Auch Regisseur Tom Wright nimmt schon ernst, dass „Handbagged“ eine Komödie ist. Während aber ein Wort das andere gibt, Szenen mit zwei Fingern weggeschnipst werden, wenn es den Damen reicht, und mit Musik der frühen Achtziger neue Szenen starten, bleibt der Abend im Ergebnis doch unentschlossen, springt der Funken selten über. Hier englischer Geschichtsunterricht, dort eine Portion Küchenpsychologie, allemal menschlich, eine britische Nabelschau ohne Interesse über den Moment hinaus.

Ein einziges Mal wird es gegenwärtig, wenn Thatcher als erste europäische Regierungschefin zum neuen US-Präsidenten Reagan eilt und die Länder sich ihrer innigen Beziehung versichern. Aber zugleich wird gerade hier deutlich, wie scharf der Blick zurück in diesen Tagen sein muss, wenn er zu etwas führen soll. Alles andere läuft Gefahr, harmlos zu wirken. „Handbagged“ könnte, anders als es den Anschein hat, ein nettes Stück zur falschen Zeit sein. Gar nicht, weil es eine Komödie, sondern weil es so selbstgenügsam ist. Der Beifall sehr freundlich, nicht überbordend.

English Theatre Frankfurt: bis 30. April. www.english-theatre.de

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