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English Theatre Frankfurt Viermal Olivia Newton John

Das English Theatre holt das Musical "Spring Awakenig" nach Wedekinds "Frühlingserwachen" nach Frankfurt. Die britische Besetzung ist jung, die Stimmen sind ausgezeichnet und gänzlich unverbraucht. Sie klingen wie viermal Olivia Newton John in „Grease“ und „Take That“, als Robbie Williams noch keinen Schmerbauch hatte.

15.11.2010 15:11
Natalie Soondrum
Moritz Stiefel, Wendla Bergmann und Melchior Gabor einmal als Rock-Stars. Foto: Anja Kühn

Auf der Bühne wirbeln fünf junge Männer in kurzen Hosen und Kniestrümpfen ihre Schreibpulte herum. Sie springen auf die Tische, werfen ihre mit Gurten geschnürte Buchstapel auf den Boden, springen darauf und schreien balancierend: „It’s the bitch of living!“, was so viel wie „Was für ein beschissenes Leben!“ heißt.


Es ist mitten im Lateinunterricht um das Jahr 1880, Moritz Stiefel (Greg Fossard), dessen schwarzer Schopf mit Haarlack in die Höhe gegelt ist, blieb soeben im Lateinunterricht in der „Aeneis“ stecken, wurde von seinem Freund, dem frühreifen Melchior Gabor (Craig Mather), gerettet und gestand diesem anschließend seine Empörung darüber, dass er im Traum von Frauenbeinen heimgesucht werde.

Im Mai 2006 wurde Frank Wedekinds „Frühlingserwachen“ als Rock-Musical „Spring Awakening“ am New Yorker Off-Broadway in der Adaption von Duncan Sheik (Musik) und Steven Sater (Text) uraufgeführt. Die Produktion schaffte es ein halbes Jahr später aus dem Off- ins On-Broadway und gewann ein Jahr später acht Tony Awards.


Kein Wunder, ist doch „Frühlingserwachen“, das Pubertätsdrama par excellence, wie kein anderes geeignet, dem US-amerikanischen Highschool-Drama neuen Pep zu verleihen. Schließlich haben Moritz Stiefel, Wendla Bergmann und Melchior Gabor mehr zu verlieren als ein Baseball-Spiel oder die prestigeträchtigste Begleitung zum Schulball. Alle drei fallen vollständig aus der Gesellschaft, werden sogar wie im Fall von Wendla (Devon Elise Johnson), die aus purer Unaufgeklärtheit schwanger wird, von den Eltern für den guten Ruf geopfert. Die Fallhöhe macht’s.


Nun hat das English Theatre das Musical nach Frankfurt geholt. Die britische Besetzung ist jung, die Stimmen sind ausgezeichnet und gänzlich unverbraucht. Sie klingen wie viermal Olivia Newton John in „Grease“ und „Take That“, als Robbie Williams noch keinen Schmerbauch hatte. – No joking, die jungen Frauen im Publikum verfallen in wahre Begeisterungsstürme.


Der Inszenierung von Ryan McBryde kommt zugute, dass sie auf Show-Kitsch à la „Cats“ ganz verzichtet. Diego Pitarch hat für die Bühne eine Wand aus lauter Schultafeln entworfen, die über und über mit weißer Kreide beschrieben sind. In dieser lassen sich Schiebetüren öffnen, die puppenhausartige Nischen freigeben für Nebenhandlungen, wie etwa Hänschens (Daniel Ellison) überaus witzige, weil Othello und Desdemona verulkende Onanierszene auf dem Klo. Die schlichte Kulisse bringt David Howes Beleuchtung, die irgendwo zwischen klassischem Theaterlicht und Gothik-Style rangiert, schön zur Geltung. Excellent job.

English Theatre Frankfurt: bis 13. Februar. www.english-theatre.org

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