Lade Inhalte...

„Endstation Sehnsucht“ Alles rutscht, alles rostet

Tennessee Williams’ „Endstation Sehnsucht“ in der Regie von Michael Thalheimer im Berliner Ensemble.

Endstation Sehnsucht
Anlehnen, Festhalten in einer schrägen Welt: Sina Martens (l.) und Cordelia Wege. Foto: Matthias Horn

Als Michael Thalheimer zur Eröffnung der Oliver-Reese-Intendanz am Berliner Ensemble Bertolt Brechts „Der kaukasische Kreidekreis“ inszenierte, traf er noch in den Endproben eine radikale Entscheidung. Er ließ das Bühnenbild seines langjährigen Mitstreiters Olaf Altmann abbauen. Der hatte wie üblich einen Raum entworfen, der mit sadistischem Kalkül die Bewegungsfreiheit der Schauspieler einschränkt. Man kann das Geduckte und Beklemmte im Spiel noch immer sehen, auch wenn die Inszenierung nun auf leerer Bühne läuft. Ein grundsätzlicher Zweifel an dieser vielfach angewendeten Produktionsweise scheint das jedoch nicht gewesen zu sein. 

Denn auch bei Thalheimers zweiter BE-Inszenierung ist der Spielraum auf Kammergröße verengt. Das Stuckaturportal ist mit Rostplatten verrammelt, ein schräger Schacht schiebt sich von der Seite ins Bild, die Decke lässt sich mit den Händen greifen, die Spielfläche ist in einem Winkel von ungefähr 25 Grad geneigt und fällt auch leicht nach vorn ab, eine halb lichtdurchlässige Wand schließt die Kammer in der Tiefe ab. Es entsteht der Eindruck, dass dahinter weitere behauste Rostschächte liegen könnten. 

Ein dystopischer Knast, der den Schauspielern Steh- und Sturzvermögen abnötigt und dem Stück, Tennessee Williams’ „Endstation Sehnsucht“ donnernd seinen Stempel aufdrückt. Halbwegs bequem ist es hier nur ganz unten. Entsprechend anstrengend ist es für die einst reiche Südstaatentochter Blanche (Cordelia Wege), die sich mit dem Verlust ihrer gehobenen Existenz nicht abfinden kann. Eigentlich will sie sich bei ihrer Schwester Stella (Sina Martens) und deren Mann Stanley (Andreas Döhler) nur ein bisschen von ihrem Kampf erholen. Sie muss feststellen, in einer brutalen, pöbelnden, geradezu animalischen Unterschicht gelandet zu sein. 

Die Falle schlägt zu. Mit ihren letzten 65 Cent kann sie hier nicht wieder weg. Sie weiß, dass ihr mit der Zeit ihr letztes Kapital, nämlich ihre Schönheit, ausgeht, wohingegen sie hier unten mit ihrer Bildung und ihrer Kultur so gar nichts anfangen kann. Der Schnaps tut das seine. Die Ansprüche an den rettenden Millionär schraubt sie immer weiter herunter, so dass sie sich sogar imstande sieht, Stanleys Kollegen Mitch (Peter Motzen) zu ehelichen. 

Eine existenzielle Konfliktstruktur

Das Stück passt gut in unsere Wohlstandsgesellschaft, die von Existenzsorgen gebeutelt ist und mit Abgrenzungsreflexen reagiert – gegen die Abgehängten und Fremden hier sowie gegen die Eliten da. Doch Thalheimer interessiert sich weder für die konkrete Gegenwart noch für den Realismus des Stücks. Er begnügt sich mit der existenziellen Konfliktstruktur, die er mit dem räumlichen Arrangement illustriert. Dieser protzige Gestus wird noch verstärkt durch die finster anschwellende Musik von Bert Wrede. 

Beglaubigt werden muss das Ganze dann von der Virtuosität der Schauspieler, die Thalheimer zu Höchstleistungen treibt. Cordelia Wege macht aus allen bekannten Symptomen von Nervenschwäche bewunderungswürdige Nummern: zwiebelnde Zitter-, Lach-, Krampf- und Heulanfälle, automatisches Sprechen, überkochende Leidenschaftsausbrüche. Andreas Döhler raut die Brutalität und den Egoismus von Stanley mit Verletzlichkeit auf. 

Die Stella von Sina Martens hat vielleicht die höchsten Chancen, der Falle zu entkommen, lässt sie doch zwischendurch ihre selbst- und willenlose Empfindsamkeit mit lebensbejahender Pöbelfreude wegplatzen. Und Peter Moltzen hat einmal mehr Gelegenheit, seine meisterlichen Psychopathenkoloraturen zu setzen. Dies alles wurde bei der Premiere mit großem Jubel quittiert.

 

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen