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Emilia Galotti in Frankfurt Ein Abend für die Schurken

David Bösch inszeniert Emilia Galotti in Frankfurt mit dramatischen Leerstellen.

Schauspiel Frankfurt
Lessings Emilia Galotti geht in Frankfurt eher lapidar über die Bühne. Foto: Thomas Aurin

Ein kleiner Theaterabend auf einer großen, opernhaft eingerichteten Bühne ist Gotthold Ephraim Lessings „Emilia Galotti“ am Schauspiel Frankfurt. David Bösch, Frankfurtern tatsächlich eher als Opernregisseur vertraut, arbeitet wieder mit dem Bühnenbildner Patrick Bannwart zusammen. Sie lassen Emilia vor einem gewaltigen Kreuz aus Licht vergeblich Andacht suchen (schon scharwenzelt der Prinz um sie), stellen den Galottis ein Heim aus häuschenförmiger Blümchentapete hin und garnieren die Freude über die bevorstehende Hochzeit mit gewaltigen Mengen Glitter, Tand und Luftballons, die aus dem Schnürboden rieseln, nein, stürzen. Auch machen Kronleuchter die Bühne zum Festsaal, und obwohl die Gräfin Orsina einen davon treffsicher erschießen wird, stellt sich kein triftiger Zusammenhang zwischen Dekor und Bühnenhandlung ein. Freilich sieht es schön aus.

Vorerst bleibt der Vorhang aber zu – die Fotos im Programmheft erwecken den Eindruck, dass hier noch spät reduziert wurde. Was jetzt zu sehen ist, gehört jedenfalls zu den wirkungsvollen Szenen des auf etwa 95 Minuten gerafften Abends. Isaak Dentler, der Schlapp- und Alertheit des absoluten Kleinherrschers grandios in einer Figur erfasst, will seinem Alltag gerade wieder Schwung geben. Die Träger seiner Samthose (Kostüme: Meentje Nielsen) zieht ein Prinz von Guastalla darum noch lange nicht hoch, das hat er nicht nötig, die goldene Spielzeugkrone aber vielleicht schon. Natürlich klappt es nicht mit dem morgendlichen Schwung, beziehungsweise bekommt es sofort einen Zug ins Verbrecherische. Sein Marinelli, der smarte, dabei nicht wurmhafte, sondern wache, moderne Fridolin Sandmeyer, hat konstruktive Vorschläge. Wie sich die Schurken umeinander winden und um ihre düsteren Pläne: Dramatiker Lessing und Dentler/Sandmeyer gestalten das glanzvoll.

Dass es um die Ent- und Verführung der jungen Titelheldin gehen wird, sorgt zudem für eine auch unter veränderten gesellschaftlichen Vorzeichen rasante Spannung.

Da ist sie schon, Sarah Grunert im Schulmädchenkleid und mit Bibel, die enteilt, als der Prinz sie von der Seite anquatscht. Noch eine starke Szene: Wie Grunert ihrer Mutter, Olivia Grigolli als keineswegs läppisch naive, ganz vernünftige Frau, von der Begegnung erzählt, angespannt, angewidert, geschmeichelt und irgendwo auch amüsiert. An keiner Stelle kommt der Abend der an sich riesig im Raum stehenden MeToo-Debatte näher.

Dass Emilias Verlobter, Wolfgang Vogler, im Rollstuhl sitzt, es der künftigen Ehe insofern – was wollte uns Bösch sonst damit sagen? – an sinnlicher Erfüllung mangeln könnte, ist ein nicht weiter verfolgtes Deutungsangebot. Der Kontakt zwischen Emilia und dem Prinzen bleibt letztlich spannungslos und im dekorativen Bereich. Im Lustschloss, in das Emilia verschleppt wird, gibt es eine Musikmaschine, die gleich mal „Forever Young“ von Alphaville anspielt (eine im Prinzip unwiderstehliche Situation also) und den jetzt müllgrau erscheinenden Hochzeitsglitter noch einmal in rosafarbenes Licht taucht.

Die junge, kühle und gutsortierte Emilia klatscht aber in die Hände und beendet den digitalen Zauber. Es gibt dann das übliche Hin und Her – Emilia hier, die verzweifelte Mutter dort, Orsina taucht auf, Marinelli taktiert, der Prinz vermeidet, es wird viel geraucht, aber Bösch bekommt nicht viel Zug dahinter.

Der Blick bleibt am ehesten auf die virtuosen Darbietungen der Schufte gerichtet. Dass sie auch komödiantisch böse sein dürfen, ist nicht unpassend. Lessing wusste sein Publikum zu unterhalten. Ein weitgehend losgelöstes Kabinettstück kann Katharina Bach als divenhafte Orsina aufführen, die möglichst weit weg von der Opferrolle inszeniert wird. Geruhsam widmet sie sich dem Wort „Verachtung“, Bach, Bösch, Lessing ziehen noch einmal an einem Strang.

Und doch ist das alles auch Zeitvertreib, sind es Ablenkungen von der dramatischen Leerstelle der Inszenierung: dem Umstand, dass Bösch mit dem Vater Galotti praktisch nichts anzufangen weiß. Sebastian Kuschmann spielt ihn wechselweise polternd und reserviert, viel Raum bekommt er eh nicht. Den Galotti nicht zu mögen, ist menschlich nachvollziehbar, andererseits muss man nicht tief schürfen, um zu merken, dass ein Vater, der – in diesem Falle einvernehmlich – seine Tochter umbringt, um deren Tugend zu schützen, ein mehr als brisanter Kasus ist. Es ist auch der Kern der Handlung und ihr Ursprung (die römische Virginia-Geschichte). Das Böse darf sich ja bloß entfalten, um zu demonstrieren, welches Gegenmittel dem Opfer (Untertanen) zur Verfügung steht. Ein Gegenmittel – der Freitod –, das besticht, das aber auch mit seinem Tugendbewahrungsargument problematisch ist.

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