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Don Juan Kein Altherrengedeck

Frank Castorf und seine Libertinage häuten Molières „Don Juan“ am Münchner Residenztheater.

Szene aus Don Juan
Der androgyne Kumpel Juan, Franz Pätzold, und Nora Buzalka, Ohnsorg-Register ziehend. Foto: Matthias Horn

Welch ein Fest. Ganz im Sinne von Jean-Baptiste Poquelin. Der Sohn eines königlichen Dekorateurs und Raumgestalters hätte sein Vergnügen an diesem Augenrausch gehabt. Allein die Kostüme von Adriana Braga Peretzki lohnen den Besuch von Poquelins alias Molières „Don Juan“ im Münchner Residenztheater: Die glänzenden Hosen und Anzüge der Männer (von den ornamental gemusterten Hemden und Jacken fast zu schweigen), die wahnsinnig schimmernden Kleider, farbigen Tops und vor allem die komplett ausufernden Kopfbedeckungen der Frauen verbinden Jahrhunderte (Hi, Marge Simpson). Ein Königreich für Pailletten, Brokat, Federn, Baumwoll- und Kunststoffmischungen. Jede Wette: zitternd steht die Mehrheit der Zuschauer nach der Aufführung zuhause vor dem eigenen Kleiderschrank. Frank Castorfs Inszenierung der im 17. Jahrhundert uraufgeführten Komödie ist aber alles andere als bloß ein intelligentes Kostümspektakel. Von der ersten Sekunde an entwickelt sich hier ein sehr düsterer Sog, immer dahin, wo es weh tut. Zuschauer, Schauspieler, Kameramenschen, Techniker, keiner bleibt im Abseits. 

Es beginnt recht getragen mit einer Art Vorspiel auf einer erhöhten Theaterbühne, die Aleksandar Denic in eine tollkühn verschachtelte Drehbühnenwunderkammer integriert hat. Doppel-Ich: Don Juan wird von Aurel Manthei und Frank Pätzold gespielt. Ein Glücksfall. Schon durch diese erste, konzentrierte Dialog-Szene zieht sich ein Paradigma des Abends: Hier spricht ein Lifetime-Zyniker immer wieder notgedrungen mit sich selbst, hasst sich, liebt sich, leidet und hadert im Meer seiner Taten und Untaten. 

Es ist extrem aufregend zuzuschauen, wie souverän und gewollt überdreht Manthei, robust und in sich ruhend, und Pätzold, der androgyne Kumpel, dabei auf der Rasierklinge des Sichverausgabens durch den vierstündigen Abend tanzen, längere Zeit im Adamskostüm: Don Juan, ein gnadenloser Selbstverletzer, der andere mit leichter Hand massakriert. Tosender Stillstand im Video-Liveschnitt von Marie-Lena Eissing. Längst hat man sich den beiden großartigen Spielern hingegeben. 

„Open 24 Hours“ steht in Neonschrift über dem Ziegenstall mit Cola-Automat, ein leuchtender Pfeil weist den Weg ins kamerabewehrte Innere, vorbei an kitschigen Holz-Balustraden zum Wohnraum mit teppichdicker Tischdecke und Lüster, zum Schlafraum mit goldumrahmtem Spiegel über dem Bett. Immer geöffnet ist der Castorfsche Jahrmarkt für die Konfrontation mit lauernden Abgründen, die er hier mit obszönen Textfragmenten von Georges Bataille konfiguriert: für alle, die Angst haben, allein sind und frieren. 

Zwischendurch Bauernkomödie. Marcel Heupermann und Nora Buzalka ziehen als Provinzpärchen distanziert und klischeegenau Ohnsorg-Register, unterstützt von den drei selbstbewussten Echt-Ziegen Onyx, Saphir und Rubina vom Filmtierhof Gut Harpfing. Zwischendurch kleine, unverbundene Szenen, die wegschwimmen. Umso konzentrierter der zweite Teil der Aufführung. Für die Don Juans geht es dem verdienten Ende entgegen, dem sie sich aufrecht stellen. Die faustisch-dunkle Grundierung der Inszenierung nimmt durch den noch mehr in den Vordergrund tretenden Downbeat-Soundtrack von William Minke unaufhörlich zu, Night-Clubbing-Atmosphäre und Marcello Mastroianni-Filmzitate erhellen aber punktuell die verlassenen Orte. 

Für die Frauen hält Castorf nicht nur Klischees bereit: die Verführerinnen (dunkel lockend und Rio de Janeiro-tauglich Farah O’Bryant), die Opfer. Bibiana Beglau, raue Schmerzensmutter und mahnendes Gewissen, betreibt, mit Blaise Pascal, Ursachenforschung in Sachen Unglück: „Die Zerstreuung ist das Einzige, das uns über unser Elend hinwegtröstet, und dabei ist sie doch gerade unser Elend.“

Ein Alterswerk. Was sonst. Aber kein Altherrengedeck. 

Tieftraurig, leicht entrückt, verwirrt, geerdet, heutig. Er zeigt den Verführungsprozess als mehrfachen Akt: als persönliche, aber spiegelbildlich auch als schleichende gesellschaftliche Entwicklung des Abstumpfens und des Gleichgültigseins gegenüber dem und den anderen. 

Am Ende Kapitulation? Ganz laut aus den Boxen der wunderbare Schwede Jay-Jay Johanson, lasziv und halb-ironisch: „So tell the girls that I am back in town.“ Aber Halt: Gegenwehr ist möglich. Als Don Juan eine fromme Bettlerin mit einem Goldstück zur Gotteslästerung anstiften will, spuckt sie ihm den Taler vor die Füße. Oder, um es mit Castorf zu sagen: „Liberté, Egalité, Sexualité“.

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