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„Die weiße Dame“ in Gießen Karierte Scherze aus der Restauration

Zu leicht genommen? Musikalisch nicht! François-Adrien Boieldieus „Die weiße Dame“ im Stadttheater Gießen

10.02.2016 16:31
Von Hans-Jürgen Linke
Am Schleppenzipfel der weißen Dame im Stadttheater Gießen. Foto: Rolf K. Wegst

In Schottland ist es kühl, und der Schotte trägt gern Kariertes. Darum sehen wir, als der Vorhang sich hebt, einen bibbernden, vielfältig karierten Chor, der Volk spielt, während der Sohn des Pächters Dikson und seiner Frau Jenny getauft werden soll.

Dominik Wilgenbus’ Regie-Einfälle für die Inszenierung von François-Adrien Boieldieus „Die weiße Dame“ sind überwiegend von dieser harmlos-humorigen Qualität, die opéra comique ist hier genau der Vorläufer der Operette, als den sie die Geschichte des Musiktheaters gern einordnet. Selbst Szenen dramatischeren Charakters poltern vor Witzischkeit.

Vielleicht hätte Wilgenbus’ Neu-Übertragung des Textes Gegenakzente setzen können. Leider verzichtet das Stadttheater Gießen auf die sonst übliche – und technisch ohne weiteres mögliche – Übertitelung, und das Publikum wird mit der unterschiedlich ausgeprägten Sprachverständlichkeit der Sängerinnen und Sänger allein gelassen.

Das Libretto von Eugène Scribe, nach Motiven von Walter Scott, erzählt die Geschichte einer fast gelingenden Grafenschloss-Erschleichung durch den Emporkömmling Gaveston, die aber mit Glück und mit Hilfe des legitimen Erben – der aus einer Amnesie und einem Krieg zurückkehrt – abgewendet werden kann. Das Happy End ist also eines der Restauration genetisch begründeter adliger Ansprüche. In der Entstehungszeit des Werkes, das 1825 in Paris uraufgeführt wurde, war das eher kein betulicher Papierschlangen-Scherz, sondern eine politische Aussage in der rosa Bonbon-Ummantelung einer Komödie.

Im Programmheft ist ein Gespräch mit dem Regisseur unter der Überschrift „Unterschätzt niemals St. Nonsens!“ abgedruckt. Hat er den Unsinn dennoch zu leicht genommen? Boieldieu hat die Geschichte in eine sehr präsente Musik gegossen, und hier hat die Gießener Inszenierung ihre starken Seiten. Das Philharmonische Orchester präsentiert unter der umsichtigen Leitung von Jan Hoffmann sehr präzise und leichtgängig die agogischen und dynamischen Feinheiten, die die Inszenierung erfordert.

Sänger und Chor werden vorbildlich unterstützt, und der wechselintensive Farbenreichtum trägt zur Gestaltung der immerhin gut 160 Minuten inspiriert bei. Lukas Noll hat als Einheits-Bühnenbild eine ansteigende Rasenfläche mit eingelassenen Gedenktafeln geschaffen, eine hübsche steingraue Spielzeug-Ritterburg (mit Uhr im Turm) ist das Signum des großes schottischen Erbes.

In den beiden Hauptpartien – das sind die, die sich zum Happy End kriegen – sieht und hört man Naroa Intxausti (Anna) und Clemens Kerschbaumer (George Brown). Boieldieu hat ihnen wunderbar effektvolle, virtuose Arien und Duette geschrieben. Beide geben, was sie haben, und das ist viel und macht sie zu den wichtigen Stützen dieser Inszenierung, zusammen mit Tomi Wendt als schwarzgelb karierter Gaveston. Mehrfach gibt es während der Premiere Szenenapplaus, der sich gleichmäßig und gerecht auf das vorzüglich agierende Ensemble verteilt.

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