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„Die tote Stadt“ in Kassel Seelenentblößung

Erich Wolfgang Korngolds Wunderoper „Die tote Stadt“ triumphiert am Staatstheater Kassel in einer eindringlichen Inszenierung und musikalisch fesselnd.

"Die tote Stadt" am Staatstheater Kassel: Paul und Marietta. Foto: N. Klinger

Als komponierendes Wunderkind versetzte er keine Geringeren als Gustav Mahler und Richard Strauss in Erstaunen. Sein früher Ruhm erreichte dann 1920 einen Höhepunkt mit der Doppeluraufführung seiner Oper „Die tote Stadt“ in Köln und Hamburg – da war der österreichische Komponist Erich Wolfgang Korngold gerade einmal 23 Jahre alt.

In schillernd-luxuriöser Klangsprache erzählt er die Geschichte des Witwers Paul, der sein Leben zwanghaft dem Andenken seiner verstorbenen Frau Marie geweiht hat, dann aber auf die frivole Tänzerin Marietta trifft, die Marie zum Verwechseln ähnlich sieht. Zwei Drittel der Oper sind als Traumsequenz angelegt. Manche Musikforscher sehen darin einen Reflex auf die damals brandaktuelle Psychoanalyse Freuds.

Zu einem wahren Triumph geriet Korngolds Meisterwerk nun am Staatstheater Kassel: Regisseur Markus Dietz hat Bilder von geradezu filmischer Prägnanz geschaffen, seine hochvirtuose, erotisch aufgeladene Inszenierung macht das Traumgeschehen eindringlich erfahrbar. Dazu trägt auch die von Mayke Hegger gestaltete Bühne bei: Die Handlung spielt hier nicht in der „toten“ Stadt Brügge, sondern in einem unbestimmt gegenwärtigen Ambiente.

Es ist ein atmosphärisch ausgeleuchteter Raum (Licht: Albert Geisel) mit einer Regalwand, die mal als Reliquienschrein, mal als Projektionsfläche für Erinnerungsvideos am Meer dient, dann wieder den Blick auf die hintere Bühne freigibt. Auf- und abfahrende Podien und perspektivisch raffiniert angeordnete Neonröhren lassen die räumliche Orientierung durcheinandergeraten.

Der besondere Clou besteht aber darin, dass die tote Marie leibhaftig auftritt – Schauspielerin Eva Maria Sommersberg verleiht ihr eine morbide bis aggressive Sinnlichkeit. Eines von vielen starken Bildern: Im dritten Akt hängt Marie einmal am Kreuz, umringt von Chorsängern mit blutroten Händen. Freudianisch gesprochen: Pauls Obsession spiegelt sich in der kollektiven Zwangsneurose Religion.

Zu den Feinheiten gehören auch die Spiegelungen zwischen Marie und Marietta sowie zwischen Paul und dessen Freund Frank, der wie sein Alter Ego wirkt (Kostüme: Henrike Bromber). Eine vielschichtige Inszenierung – und die Produktion fesselt auch musikalisch. Generalmusikdirektor Patrik Ringborg, ein Meister der Farben und Stimmungen, realisiert mit dem Staatsorchester Kassel einen transparenten Klangrausch.

Sopranistin Celine Byrne (Marietta, Erscheinung Mariens) beglückt mit hoher Stimmkultur und ätherischen Tönen. Charles Workman gestaltet die enorm anspruchsvolle Tenorpartie des Paul größtenteils imponierend, bietet bei glasklarer Diktion eine auch darstellerisch aufreibende Seelenentblößung. Neben den beiden Gästen haben die hauseigenen Sänger ihre schönen Momente: Marta Herman (Brigitta), Marian Pop (Frank) und herausragend Bariton Hansung Yoo, der das sentimentale Tanzlied des Pierrot schlichtweg berückend singt. Das Publikum feierte die Premiere mit überschwänglichem Beifall.

Staatstheater Kassel: 30. April, 5., 21., 27. Mai, 1., 3., 12., 22. Juni.www.staatstheater-kassel.de

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