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„Die Ratten“ in Mainz Bei den Toten

Jan-Christoph Gockel wagt sich mit Gerhart Hauptmanns „Die Ratten“ in Mainz an ein gewichtiges Thema: den Tod eines Kindes und die Frage, wie es für die Erwachsenen dann weitergehen soll.

02.03.2015 17:03
Von Grete Götze
"Die Ratten" am Staatstheater Mainz: Anna Steffens, Ulrike Beerbaum, das Baby. Foto: Bettina Müller

Jan-Christoph Gockel nimmt sich gerne Stoffe vor, die er in ihrem historischen Kontext wälzt, bearbeitet und aufwendig auf die Bühne bringt. In Mainz zuletzt einen Abend zum „Schinderhannes“ oder 2013 „Grimm. Ein deutsches Märchen“ über die Brüder Grimm. Der Text eines Dramas, so scheint es, ist dem Mainzer Hausregisseur nicht das Wichtigste, sondern das, was das Team an Allgemeingültigem aus dem Stück herausholen kann. In Gerhart Hauptmanns „Die Ratten“ (1911) ist es der Kindstod, ein Thema, das jeden berührt.

So gehört auch der erste Bühnenmoment dem Kind. Genauer gesagt der Puppe, die den Geist des toten Kindes verkörpert, das der Arbeiterfrau John (Anika Baumann) vor drei Jahren starb. Mit weißem Gesicht trippelt die unheimliche Puppe in die Bühnenmitte, wo Frau John sie herzt. Das Lied „Der Mond ist aufgegangen“ ertönt verzerrt vom Band. Ebenso Hilfeschreie.

Berliner Mietskaserne

Frau John hat den Schmerz über ihr totes Kind nicht verwunden. Sie überredet ein armes polnisches Dienstmädchen (Ulrike Beerbaum), ihr das Neugeborene zu überlassen und es als das ihre auszugeben – Ehemann John arbeitet in Altona und ist leicht zu beschwindeln. Die unheilvolle Geschichte kann beginnen. Inmitten einer Mietskaserne in Berlin, auf deren Dachboden Theaterdirektor Hassenreuter (Murat Yeginer) einen Kostümfundus und unlautere Bekanntschaften unterhält. Die Kaserne ist in Mainz ein zweistöckiges Regal, in dem vom Kleinbürger bis zu den Ärmsten alle wohnen. Sie leben beengt, sprechen gebückt Berliner Dialekt.

Gockel zeigt die „Ratten“ als Horrorszenario. Grelle Lichtblitze beleuchten abwechselnd die Wohneinheiten im Regal. Umrahmt ist es von zwei Steinwänden, auf denen die Schiene läuft, mit welcher der Puppenspieler Michael Pietsch an meterlangen Fäden den Kinder-Geist führt (es ist Pietschs siebte gemeinsame Arbeit mit Gockel). Der Puppenspieler und der böse Bruder Bruno der Frau John, sie sind hier eine Person. Frau John ist wie fremd-gesteuert durch die Fäden, an denen ihr Bruder zieht. Er verkörpert ihre Wahnvorstellungen, ihre Geister der Erinnerung.

Um das Trauma zu zeigen, das ein totes Kind auslösen kann, werden viele große Bilder bemüht. Auch, als das Dienstmädchen ihr Kind zurückhaben will und die verwahrloste Frau Knobbe (Anna Steffens) umgeben von Puppen ihr verschwundenes Kind sucht. Bedrohliche Musik und Szenen, in denen die Bewohner mit Puppen spielen, die sie selbst als Kinder zeigen, wechseln einander ab. Anika Baumann spielt die graue Frau John überzeugend ängstlich und der Welt entrückt. Über die Beziehung zu ihrem Mann, dem grobschlächtigen wie liebenswürdigen Maurerpolier (Johannes Schmidt) wüsste man gerne mehr.

Doch die leisen, tragischen Momente werden in der dreistündigen Inszenierung oft überboten von der zweiten Handlungsebene, auf welcher der schrille Theaterdirektor Hassenreuter mit dem Theologiestudenten Spitta darüber streitet, ob man heute noch Theaterklassiker zeigen muss oder ob Spitta mit seiner Tochter zusammen sein darf. Bisweilen soll es auch witzig sein. Etwa wenn der berlinernde Hausmeister mit Pilotenbrille und echtem Hund über die Bühne läuft. Mopsens Name: TJ, eine Kreuzung aus Thomas Müller und Jérôme Boateng. Die Inszenierung trifft da, wo sie sich auf ihre Grundidee verlässt: Eine traumatisierte, fremdbestimmte Frau zu zeigen, die durch den Tod ihres Kindes aus dem Tritt geraten ist.

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