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"Die Puritaner" in Stuttgart 300 Jahre schönste Seufzer

Die Oper Stuttgart schließt die Saison mit einer großartigen „Puritaner“-Aufführung ab, mit der überwältigenden Ana Durlovski.

Ana Durlovski als Elvira in "Die Puritaner". Foto: A. T. Schaefer

Die Oper Stuttgart hat für Anreisende ein Gesicht bekommen, und es ist das Gesicht von Ana Durlovski. Natürlich kann das nicht sein, aber es drängt sich schon der Eindruck auf, dass die in Stuttgart ja quantitativ überschaubare Spielplangestaltung von ihr kaum noch zu trennen ist, dass sie jedenfalls den Inszenierungen ihren Stempel aufdrückt: Als betörende Verstörte, als Spezialistin für in die Enge getriebene Frauen, ausgestattet mit Hingabekraft – der unaufdringlichen einer modernen Sängerdarstellerin, nicht einer Diva –, mit einem biegsamen Leib und mit einer ebensolchen, dazu luxuriösen, glänzend gepflegten Stimme.

Überwältigend war der Auftritt der 1978 geborenen Mazedonierin als Lucia di Lammermoor, vor neun Jahren noch am Staatstheater Mainz, in Stuttgart schlug sie 2012 als „Nachtwandlerin“ ein, war eine hinreißende Gilda, Berenike (in der gleichnamigen, irrwitzig lohnenden Jommelli-Ausgrabung) oder Olympia – praktisch die einzige Rolle, die in Marthalers merkwürdig dröger „Hoffmanns Erzählungen“-Inszenierung Kontur gewann.

Elvira in Vincenzo Bellinis „Die Puritaner“ fehlte noch in der Reihe der wie eigens für sie geschriebenen Partien. Nun war es so weit. Die Inszenierung des Stuttgarter Opernintendanten Jossi Wieler und seines Dramaturgen Sergio Morabito, dirigiert von dem Italiener und Belcanto-Experten Giuliano Carella, erwies sich insgesamt als musikalisch triumphaler, szenisch extrem ansehnlicher, durchgefeilter Saisonabschluss. Wie oft bei Wieler und Morabito gehen Sinnlichkeit und herrlich verkopfte Überlegungen Hand in Hand. Und stützen damit – fast überraschenderweise – die Musik, deren Schöpfer gar nicht vorhatte, intellektuell vertrackt zu sein. Er stellt aber eine ähnlich abgefeimte Verbindung aus Künstlich- und Natürlichkeit her, einer erfolgreich erzwungenen Natürlichkeit, analog zur Leistung der Sängerinnen und Sänger: Das Schwierigste federleicht klingen zu lassen.

Scheu weggedrehte Gemälde

Anna Viebrocks Ausstattung zeigt eine ganz leicht verschachtelte Situation, die sich ebenso in einer großen, umfassend bildergestürmten Kirche finden ließe, wie auch zwischen gotisierenden Gebäuden. Die Kostüme unterstützen das Historische, das auf den scheu weggedrehten Gemälden am deutlichsten wird, die katholische Pracht atmen.

Oben wurde ein riesiger Eisenträger durchgesteckt, der nachher den Steg für die damit so einfach wie spektakulär visualisierte Flucht von Elviras hochanständigem Geliebten und der Witwe des 1649 hingerichteten englischen Königs Karls I. – Diana Haller mit einem Mezzosopran wie Honig – darstellt. Arturo, der fulminante, dabei nicht Pavarotti-mäßig strahlende, sondern fein mattierte Tenor Edgardo Rocha, bekommt zuvor einen 1A-Auftritt. Wie ein Pfau tritt er in Musketierverkleidung auf die Bühne, als Katholikensöhnchen in der Puritanersphäre hübsch, froh und fremd wie seine Tenorstimme in einer Welt, in der sonst nur tieflagige Männer als Individuen hervortreten. Dem Chor – der unter Johannes Knechts Leitung Weltklasse bietet – stehen vor Staunen die Münder offen, die mühsam weggefächelte Erregung potenziert den Glanz der Nummer.

Dabei zeigt Rocha keine Karikatur. Die Regie ist mit ihm und der traurigen Königin, ist überhaupt mit den Figuren. Mag die Schar der Puritaner sich seltsam wiedergängerisch (hirngewaschen?) bewegen und den Platz schrubben und die Bibel lesen – die Solisten bekommen durchweg Gelegenheit, sich von ihrer sympathischen Seite zu zeigen: Die todunglückliche Elvira ohnehin, die man eingangs als introvertiertes Mädchen in Strümpfen kennenlernt, die so gerne einmal in Ruhe ihre gut versteckte Illustrierte lesen will (oder ein Comic? UNTERHALTUNG, der Puritanismus der Puritaner verbietet beides). Aber auch der von ihr (wegen Arturo) sitzengelassene Riccardo ist ja ein armer Kerl, und die Axt schwingt er nur, weil er ebenfalls so todunglücklich ist.

Das große Duett, in dem Elviras Onkel ihren durchgefallenen Ex-Verlobten zur Barmherzigkeit überredet, ist ein Meilenstein reinster Wunderschönheit und zugleich perfektester Abstimmung jeder Note mit dem Wort. In Stuttgart wird es von Adam Palka als Onkel Giorgio, Gezim Myshketa als Riccardo und dem Dirigenten Carella mit Rasanz und Wendigkeit durchpflügt, großen Stimmen, beweglichen Darstellern. Onkel Giorgio hat es Wieler und Morabito am deutlichsten angetan, der ungezogene, liberale Verwandte, der sich schon fast als Oscar-Wilde-Figur zwischen den verklemmten Puritanern tummelt.

Denn die „300 Jahre des Seufzens und des Grauens“, die Elvira auf ihren wahren Geliebten, Arturo, warten musste, werden in Stuttgart zum Raum. Eine schöne, große Puppenvilla im dritten Akt signalisiert wie die Kostüme die Ankunft der Handlung im 19. Jahrhundert. Aber auch im jetzo rein Bürgerlichen kann es für Menschen eng werden.

Als Intellektuelle können Wieler und Morabito dem im Libretto angesteuerten Happyend nicht trauen. Aber als Theatermacher können sie ihrem Publikum die Freude machen, vor dem Gebäude zur Premiere einen kleinen Fesselballon befeuern zu lassen, der notenübersät und von Puritaner-Musikschlaufen begleitet in den Stuttgarter Nachthimmel aufsteigt. Aber erst nach großem Jubel im Saal, der das Regieteam unter dem 2018 scheidenden Intendanten einschließt, für Carella, die Singenden und das Staatsorchester aber doch am gewaltigsten aufbrandet.

Oper Stuttgart: 11., 14., 17., 27. Juli. www.oper-stuttgart.de

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