Lade Inhalte...

"Die Netzwelt" im Schauspiel Frankfurt Mit Echtheitsgefühl

Kann eine virtuelle Welt böse machen? „Die Netzwelt“ von Jennifer Haley stellt nun auch in Frankfurt diese Frage.

Im Netz-Wald: Iris, Alexandra Lukas, und "Papa", Thomas Huber. Foto: Birgit Hupfeld

In einer Zukunft, die nur um die Ecke liegt, in einer Dystopie stark beschädigter realer Umwelt, dafür fast lebensechter Internet-Erfahrungen via Avatar – aber es heißt nicht mehr Internet – spielt ein vielgelobtes Stück der Amerikanerin Jennifer Haley: „The Nether“, der Originaltitel hat einen ominösen Unterwelt-Beiklang, wird in der Übersetzung Michael Duszats jetzt auch in den Frankfurter Kammerspielen gezeigt, als „Die Netzwelt“.

Draußen sind echte Pappelbäumchen kaum noch zu bekommen (der Kauf nur eines Bäumchens wird darum eine verräterische Spur legen). Drinnen hat der Unternehmer Sims sich einen Pappelwald programmiert – aber das Wort programmiert mag er gar nicht –, in dem alles stimmt bis zum Mulchduft. Er selbst hält sich, in Form seines Avatars, täglich viele Stunden im Wald auf, aber man kann den Zugang auch kaufen. Offenbar schaltet Sims sogar Werbung. Der Kick seiner Netzwelt ist freilich nicht die Waldidylle, sondern dass einschlägig veranlagte Männer dort auf minderjährige Mädchen treffen, die sie nach Herzenslust missbrauchen und töten können. Auch mehrmals hintereinander, denn das virtuelle Kind stellt sich wieder und wieder zur Verfügung.

Sims sieht darum auch gar nicht ein, dass eine ihm unbekannte Netzweltcommunity seine Domäne abschalten will. Die Bilder „haben keine Konsequenzen“, argumentiert er. „Die Netzwelt ist nicht länger ein großer, wilder Westen, wir haben ein politisches Gremium, das genauso real ist wie irgendetwas in der Realwelt“, sagt Detective Morris. Irgendwer hat Sims zum Verhör gebracht.

Publikum im Spiegel

In einem Spiegel sieht sich das Publikum beim Betreten der Kammerspiele, ein schmaler Bühnenstreifen davor ist der Verhörraum. Thomas Huber, Sims, wartet dort schon mit einem Sack über dem Kopf (etwas altmodische Methoden, möchte man meinen). Ein Lichtwechsel wird hinterm Spiegel ein prächtig naturgetreues Waldstück enthüllen (Bühne: Steffi Wurster). Sogar ein echtes weißes Kaninchen bietet die Frankfurter „Netzwelt“ auf in der textgetreuen Inszenierung von Bernhard Mikeska. Tatsächlich wüsste man kaum, wie die straffen, in gut anderthalb Stunden bequem zu spielenden Dialoge gekürzt werden sollten.

Denn Haley baut ihre Versuchsanordnung, ihren ethischen Streitplatz zügig auf. Sims findet, er tut etwas Gutes, wenn er Pädophilen ein Ventil im Virtuellen anbietet. Und bald schon rückt er zum Beweis mit seiner eigenen Geschichte raus: vor Jahren packte er das Nachbarmädchen, zu seinem und ihrem Erschrecken. Ließ es zwar noch einmal gehen, aber .... Detective Morris hält dagegen, dass die sinnliche Netzwelt-Erfahrung immer Spuren in der Realität, mindestens in der Psyche der Nutzer, hinterlässt.

Für den Zuschauer freilich besteht das Gefühlsparadox umgekehrt darin, dass er sich eine Schauspielerin aus Fleisch und Blut als nur virtuell vorstellen muss. Alexandra Lukas ist Iris im weißen Unschuldshängerchen (Kostüme: Almut Eppinger), eine scheinbar perfekt programmierte Lolita.

„Die Netzwelt“ ist nicht nur straff, sondern auch wie ein Thriller gebaut. Ein ominöses „Internat“ droht ungehorsamen Avataren – wahrscheinlich droht also den Rollenspielern, die sich dahinter verbergen, der Ausschluss. Sie fürchten ihn mehr als den (realen) Tod. Welch schreckliche Drohung also, dass nun der Server abgeschaltet werden soll. Das hat die „Netzweltcommunity“ (Detective Morris) angeblich beschlossen.

Paula Hans gibt in Frankfurt die junge kühle, zur Sache kommende Ermittlungsbeamtin (aber wer oder was legitimiert sie?), Thomas Huber den geschmeidigen, dabei nicht unsympathischen Geschäftsmann, beziehungsweise seinem Avatar-Kind den „Papa“. Peter Schröder ist Doyle, ein rührender, in der Realwelt doch gewiss harmloser Nutzer der Pädophilen-Domäne; er hat sich als Physik-Lehrer Verdienste erworben. Undercover-Agent – eigentlich: Undercover-Avatar – Woodnut, Viktor Tremmel, schließlich gefällt es bald sehr bei Iris im Wald. Auch wenn er sich noch ziert, sie mit dem Beil zu zerkleinern.

Jennifer Haley hält Pointen bereit, mit denen sie den anfangs recht neutralen Kampfplatz verlässt und sich ein Stück weit auf die Seite der Nutzer und Verteidiger virtueller Welten stellt. Lieber schlägt sie noch einen und noch einen Haken, als dass sie die Diskussion, die sie raffiniert anzettelt, offen hält. Das stellt zuletzt den Effekt, das Drücken von Spannungsknöpfen, stellt sogar eine Art Happy End über die Vielschichtigkeit.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
  • Nutzungsbasierte Onlinewerbung
  • Mediadaten
  • Wir über uns
  • Impressum