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„Die Jüdin“ in Mannheim Blaue Hände, gelbe Hände

Ausgerechnet der unerbittliche Peter Konwitschny inszeniert Fromental Halévys herrliche Oper „Die Jüdin“ entspannt und markant am Nationaltheater Mannheim.

Rachel zwischen ihrem Vater und ihrem Geliebten. Der allerdings zu „den anderen“ gehört, wie seine blauen Hände zeigen. Foto: Hans Jörg Michel

Das opulente, spannende und einst äußerst erfolgreiche Werk „La Juive“ des französisch-jüdischen Komponisten Fromental Halévy, uraufgeführt vor 180 Jahren, wurde mit der Grand opéra dann abgedrängt.

Dass die Vorlage von Eugène Scribe dramaturgisch und psychologisch viel plausibler ist als eine kurze Zusammenfassung es vermitteln kann, half nichts (während Verdis „Troubadour“ mit einem ähnlichen, aber haarsträubenden Plot eine Riesenkarriere antrat). Dass Richard Wagner die Musik gegen seine Gewohnheit tief bewunderte, half ebenfalls nichts. Stattdessen kam theoretisch noch eine gewisse Verlegenheit gegenüber der Handlung hinzu. Christen töten Juden, aber beide Seiten nehmen sich nichts in ihrem Hass aufeinander. Und alle singen so schön.

Erfolgreiche Wiederbelebung

Aufführungsversuche waren gleichwohl häufig erfolgreich. Einen jüngeren startete etwa das Staatstheater Darmstadt unter John Dew, 2008. Dennoch grenzt es an ein Theaterwunder, dass es ausgerechnet der strenge Bürgerschreck Peter Konwitschny ist, Verweigerer der Götterdämmerung in der „Götterdämmerung“ und Aufrührer gegen das „Meistersinger“-Ende, der jetzt mit einer völlig entspannten „Jüdin“ hervortritt.

Seine zugewandte, erzählerische Inszenierung, bei der auch mancher seiner Schüler noch etwas über Personenführung lernen könnte, ist ein imposantes Ja zu Halévys Oper, zu ihrer Titelfigur und zur Grand opéra insgesamt (nicht zu den entfallenden Balletteinlagen allerdings). Aus dem Graben unterstützen Alois Seidlmeier und das Orchester das Unterfangen mit Feinsinn. Transparenz regiert und hilft den durchweg ausgezeichneten Solisten.

Am Nationaltheater Mannheim, das für diese Großproduktion mit der Opera Vlaanderen in Antwerpen und Gent kooperierte, hat Konwitschnys Ausstatter Johannes Leiacker eine Wand mit prachtvollen Kirchenfenstern entworfen. Die fahrbaren Metallgestänge davor lassen sich auch als Gefängnisgitter interpretieren. Davon gibt es viele in einer Geschichte, in der kaum einer darf, wie er will, aber die einen noch weniger als die anderen.

Die Figuren sind dezent zeitgenössisch gekleidet. Warum der überglückliche Chor beim rabiat, aber effektvoll vorgezogenen „Te deum“-Auftakt die Hände versteckt, um sie uns dann umso energischer entgegenzuhalten, versteht man bald: Sie sind blau gefärbt. Die Hände der Juden sind gelb gefärbt. Sonst gibt es nicht den geringsten Unterschied, Religiöse Symbole interessieren Konwitschny nicht. Es gibt einfach die einen und die anderen. Léopold, der sich ins Haus des Juden einschleicht, trägt zur Tarnung gelbe Handschuhe über den blauen Händen. Es zeigt sich nachher, dass man die Farbe abwaschen kann, aber das ist kein Thema.

Zu sehen sind dabei keine Ideenträger, keine Kopfgeburten, sondern in ihr Schicksal und ineinander verschlungene Menschen. Spektakulär ist die Rachel von Astrid Kessler, frei und drucklos die maximal geforderte Stimme, leicht und behände ihr Spiel. Konwitschny zeigt sie als Persönlichkeit aus unseren Tagen, auf unserer Seite. Das ist sie auch buchstäblich, wenn sie sich die Liebesschwüre Léopolds (Johan Tralla, der sich wahrlich durch den langen Abend jammern muss) von Reihe acht aus anhört. Kräftig schimpft sie auf Deutsch dazwischen. Für ein paar Minuten trennt sich die Grand opéra vom wirklichen Leben.

Eine grausige Nathan-der-Weise-Version

Estelle Kruger ist ihr eine ebenbürtige Feindin/Freundin als makellos bewegliche Fürstin Eudoxie. Zurab Zurabishvili ist ihr ein guter Vater, wenngleich nicht der leibliche in dieser grausigeren Nathan-der-Weise-Version. Sein Eléazar neigt zur Ungeduld wie sie, ist wach und gegenwärtig. Als Tenor – eine Überraschung, die mit Halévys Lieblingstenor zu tun hat, der partout die Rolle wollte – steht er unheimlich unter Druck. Manchmal klingt das gepresst, meistens triumphal. Sein Widersacher, Blauhand Brogni, ist hier Sun Ha, tief und geschmeidig.

Konwitschny zeigt den Chor als Bürger-Mob, gern hämisch feixend, zwischenzeitlich im Zuschauerraum, in dem ohnehin immer wieder wachrüttelnd, aber nicht penetrant das Licht angeht. Und ja, es gibt auch nicht überzeugende Einfälle. Viel Pistolengefuchtel manchmal, und ausgerechnet Rachel zeigt sich mit Sprengstoffgürtel. Dass die Christen solche sogleich am Fließband herstellen, lässt das schwache allerdings im starken Bild münden.

Ein Meisterstück der Regie das Ende. Die auf Deutsch eingefügten Chorsänger-Ausrufe, „Los jetzt“, „Schluss mit den Juden“ – nur diese beiden, nicht mal laut, nur ein Stolpern des Fortgangs –, sind die richtige Grundlage, um den Wohlklang zum Judenmord als das zu verstehen, was er ist (Wohlklang zum Judenmord). Dann noch einmal die inzwischen entsetzlichen blauen Hände. Dann ein Dunkel, wie es auf der Bühne nicht alltäglich ist.

Schließlich ein Beifall, der beweist, dass die große französische Oper quicklebendig ist und von Verdi- und Wagner-Hörern aus dem Stand verstanden wird, sobald sie eine Chance bekommt.

Nationaltheater Mannheim: 12. (B-Premiere), 20., 28. Januar, 5., 12. Februar. www.nationaltheater-mannheim.de

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