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„Die Attentäterin“ Tischgespräche

Amir Reza Koohestani blickt an den Münchner Kammerspielen auf Yasmina Khadras Roman „Die Attentäterin“.

Mahin Sadri als „Die Attentäterin“
Mahin Sadri als „Die Attentäterin“. Foto: Judith Buss

Vielleicht gibt es keine Lösung. Was soll man noch sagen? Der Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern ist eine Wunde, die nicht verheilen will oder kann: Im Nahen Osten, bei uns. 
Yasmina Khadra ist ein algerischer Mann. Beim Schreiben wählt er als Pseudonym den Namen seiner Frau. Geboren als Mohammed Moulessehoul, war er Offizier in der algerischen Armee. Er weiß, was kämpfen heißt. In mehr als 30 Romanen hat er sich mit der Welt auseinandergesetzt. Der Plot seines 2005 erschienenen Buches „L’Attentat“ ist schnell erzählt: Die Frau eines arabisch-israelischen Arztes sprengt sich bei einem Selbstmordattentat in Tel Aviv in die Luft. Daraufhin macht sich der Chirurg in die von Israel besetzten palästinensischen Gebiete auf, um herausfinden, wie seine Frau zur Mörderin werden konnte. Diese Suche ist auch eine Suche des Helden nach sich selbst. Es nimmt kein gutes Ende. 

Eine Einführung in die komplizierte israelische Identitäten-Gemengelage gibt Regisseur Amir Reza Koohestani in Form eines erkenntnisreichen Penis-Dialogs am Anfang seiner Romanadaption für die Münchner Kammerspiele. Amin (Thomas Wodianka), der Arzt, unterhält sich in der Mensa seiner Klinik mit seiner Kollegin Kim (Maja Beckmann) über den Zusammenhang von Penisgröße, DNA, Herkunft und Religion: „In welchem anderen Land redet man von Politik, selbst wenn es um die Größe von Penissen geht?“, fragt Amin lakonisch. Ist damit schon alles gesagt? 

Der kühl-sterile Bühnenraum, in dessen Zentrum ein fahr- und drehbarer weißer Holztisch mit Sitzbänken im Flötotto-Profilsystem-Stil steht, wird plötzlich zum Operationssaal: Blut, Schreie, Wimmern erfüllen die Szene nachdem Sihem (Mahin Sardri), die Frau von Amin, in Hörweite der Klinik einen Sprengstoffgürtel in einem Restaurant gezündet hat: Von ihr bleibt lediglich der Kopf halbwegs heil. 

Immer wieder erscheint Sihem, die tote Attentäterin im schwarz-rot-gemusterten Kleid, mit versengter Wange und langen schwarzen Haaren auf der Bühne. Sie schweigt viel und redet manchmal (auf Farsi) zu Amin. Oft erscheint ihr jenseitiger Körper vergrößert auf der mehrere Meter hohen Videoleinwand im Hintergrund. 

Ja, es gelingt die poetische Grundierung des Romans auf die Bühne zu übertragen. Aber man erfährt wenig in der zweistündigen Aufführung von ihrer Entwicklung zur Terroristin. Die stark überhöhte Figur wird nicht greifbar in dem zaghaft-pädagogischen Lehrstück, das den Blick des Zuschauers auf die unerträgliche Spannung zwischen dem „Gewalt ist keine Lösung“ und dem „Keine Gewalt ist auch keine Lösung“ lenken möchte.

Alle Seiten zeigen und ihnen gerecht werden: Ist das der Versuch dieses Abends? Zwei auf Schienen bewegliche Poller mit eingebauter Kamera erfassen und verfolgen die Spieler unnachgiebig, eine weitere Kamera liefert Bilder aus der Himmelsperspektive: Jeder wird mit jedem konfrontiert, nichts bleibt unbeobachtet.

Als Amin vom schmierigen Kommissar Moshe (hier überzeugend Samouil Stoyanov) erfährt, dass Sihem das Attentat begangen hat, verzweifelt er an ihr, an sich, an dieser Welt: Wie kommt es, dass man nicht einmal den Menschen, den man liebt, halbwegs kennt? Ist mein, ist unser Leben nur ein gescheiterter Integrationsversuch? 

Immer wieder führt Koohestani die Schauspieler an den großen Tisch, als wolle er sie in die doch recht vorhersehbaren Gespräche zwingen. Das Stück verliert dadurch dramatisch an Bewegung: Amins Reise in die besetzten Gebiete, nach Bethlehem und nach Dschenin, endet an einem Familien-Tisch mit vielen Reden, teilweise in einer aufgesetzt wirkenden Film-Noir-Anspielung. Das Ensemble besetzt bis auf seinen Hauptprotagonisten unterschiedliche Rollen und kann besonders in diesem zweiten Teil des Abends nicht glaubhaft von dem erzählen, was so erschütternd ist: Dass die Gewalt in einer total verfahrenen Situation möglicherweise kein Ende finden kann. Die Schärfe des Konflikts bleibt in der Darstellung letztlich blass.

Amir Reza Koohestani bezieht Haltung: In einem Interview zum Stück spricht er zu Recht davon, dass Israel nicht mit Judentum und dass Kritik an der Regierungspolitik Israels nicht mit Antisemitismus in eins fällt. Das muss man heute hervorheben. Als Yasmina Khadra beim großen Schlussapplaus die Bühne betritt, wirkt er erleichtert. Und im Nahen Osten nichts Neues.

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