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„Dickicht“ in Berlin Kämpft!

Aber worum nur? Sebastian Baumgarten inszeniert Bert Brechts „Dickicht“ am Berliner Gorki.

Dickicht
Zwei Kampfspieler, die sich verhaken: Thomas Wodianka und Till Wonka. Foto: Ute Langkafel Maifoto

Es ist eine Modellstadt in die Düsternis gestellt. Kniehohe Plattenbauten, die Fenster sind erleuchtet. Nebel kommt auf, die Musik kreiselt. Dunkle Figuren steigen heraus, stehen auf den Dächern, drohend, drückend. Und schon ist alle Vieldeutigkeit verflogen: Die Bühne wird lautes Symbol, wird zum Schauplatz der Unausweichlichkeit. Es ist damit eine Maschine in Gang gesetzt, die nur ihre eigene Logik kennt: Alles ist Kampf und Konfrontation, die Heimstatt jeder Wahrheit ist der Konflikt.

Das ist der Anfang dieser knapp zweieinhalb Stunden am Gorki Theater unter der Verantwortung von Regieleiter Sebastian Baumgarten: ein Ende, ein Abgesang auf unsere Gegenwart. Die Zeiten sind gegen Abwägen, gegen Zwischentöne gerichtet, will uns das sagen. Sie rufen nach Tat und Konsequenz. Es sind gefährliche Zeiten, das weiß auch dieser Abend. Er sucht deshalb nach Antworten auf das Ausschließlichkeitsdenken – und findet stets, was er selbst an den Anfang setzt. Eine Inszenierung in der Selbstbestätigungsschleife. Der Rest ist Form, Szenenspielerei, ausgestelltes Klappern mit dem Dialektikbeutel.

Gleich in der ersten Szene zum Beispiel, wenn die acht Schausteller der Modellstadt aufs Dach steigen: Sie flüstern, aber jede Silbe ist ein Schrei, je leiser, desto unmissverständlicher. „Verwisch die Spuren“, zischen sie, es klingt wie „Lege Fährten!“. Das ist der Prolog, entnommen aus Bert Brechts „Lesebuch für Städtebewohner“, hier gewendet zur Handreichung für das Gegenwartsgestrüpp, errichtet nach Brechts frühem Stück „Im Dickicht“, 1923 unter lautem Skandalgebrüll in München uraufgeführt, drei Jahre später von Brecht umgearbeitet.

Baumgarten hält sich stärker an die erste, rauere, Fassung, seine Inszenierung heißt schlicht „Dickicht“. Das Stück hat keine Handlung, es hat eine Konfliktaufstellung; gern wird es als unverständlich verschrieen, dabei führt es in aller wünschenswerten Klarheit die angebliche Unlösbarkeit schroffer Konflikte vor.

So fängt es an: Ein Mann, Shlink genannt, kommt in eine Bibliothek und will beim Angestellten Garga ein Buch ausleihen. Irgendeines. Dieses sei schlecht, jenes besser, sagt Garga. Shlink will ihm „diese Ansicht“ abkaufen, aber Garga lehnt ab. Daraus entsteht ein Kampf um des Kampfes willen. „Im Dickicht“ führt nicht nur in den „Dschungel“ der Großstadt, sondern auch in die Undurchdringlichkeit der Meinungen und Absichten. Die böse Pointe bei Brecht ist, dass weder Shlink noch Garga wissen, was sie wollen – und warum sie etwas wollen sollten. Shlink und Garga sind Spiegelfiguren, einander ähnlich, ineinander verschränkt.

Das nimmt Regisseur Baumgarten als formales Prinzip. Er hat mit Thomas Wodianka als Shlink und Till Wonka als Garga nicht nur zwei Kampfspieler, die sich hervorragend ineinander verhaken, also wechselseitig verstärken, er hat lauter ineinander verhakelte Figuren erfunden: Gleich, ob sie ums Geschäft, die Familie, Sex oder Geld kämpfen, sie sind Menschen, indem sie gegen andere Menschen stehen. Die Familie, vorgeblich Keimzelle der Gesellschaft, wird damit als genauso faul, zerfallen beschrieben wie die Welt der Bücher und Börsen.

Entsprechend morsch ist die Sprache. Garga spricht gern in Zitaten, am liebsten von Rimbaud. Garga ist es auch, der behauptet, die Sprache reiche zur Verständigung nicht aus. Sie stottern deshalb auf der Bühne, stolpern über ihre eigenen Sätze, rutschen auf den Silben aus, schnappen nach Atem, verschlucken sich, spucken, schreien, stammeln. Vor allem aber flüchten sie in Filmszenen – und werden von diesen wieder ausgespien.

Das ist ein hübscher Verfremdungseffekt: Hinten auf der Leinwand sieht man in gedeckten Farben Stummfilmszenen, davor sprechen die Schauspieler live die Texte ein, betont nicht lippensynchron natürlich. Hinten sieht man sie am Küchentisch hocken, bis sie auf die Vorbühne stürzen, um weiter zu spielen, was filmisch begonnen wurde. Handwerklich ist dieses Szenenspiegelkabinett sauber gearbeitet.

Aber es läuft doch auf ein mechanistisches Gesellschaftsbild hinaus. Einmal taucht in einem Fernseher US-Präsident Donald Trump auf, einmal werden leinwandgroß Bilder vom Rostocker Anschlag auf ein Asylantenheim gezeigt. Überhaupt wird der Rassismus, mit dem Garga gegen den „Malaien“ Shlink vorgeht, stets dick herausgestrichen. Nur erwächst dieser Rassismus hier geradewegs aus der Logik des Kampfes selbst. Als sei das rassistische Denken der schieren Lust am Konflikt geschuldet, als steige es wie bloße giftige Dämpfe aus dem Dschungel der Verhältnisse auf.

Diese Inszenierung legt damit Fährten, mit denen die Verwerfungen der Gegenwart als Dschungelgewächse hingestellt werden: Im Dickicht gibt es für sie weder Verantwortliche noch Verantwortung. Das allerdings ist von Brecht so weit entfernt wie von der Gegenwart: Die vermeintliche Unübersichtlichkeit der politischen und gesellschaftlichen Gemengelage wird zum Vorwand, sich in die Büsche zu schlagen.

Gorki-Theater, Berlin: 30. März, 22. April. www.gorki.de

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