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Deutsches Theater Spiel das Spiel!

Demokratische Praxis: Die Regisseurin Karin Henkel erhellt John von Düffels „Rom“ nach drei dunklen Shakespeare-Stücken im Deutschen Theater.

Deutsches Theater
In Rom herrscht ein blutiges Regime (v.l.n.r,: Bernd Moss Michael Goldberg, Wiebke Mollenhauer). Foto: Arno Declair

Macht ist ungesund. Die römischen Tyrannen, Triumvirn, Senatoren, Konsuln, Befehlshaber sterben wie die Fliegen in der von Karin Henkel im Deutschen Theater am Freitag zur Premiere gebrachten „Rom“-Trilogie. Allerdings stehen sie gern auch wieder auf und begegnen einander in Zeiten, die sie auch ohne gewaltsame Tode nie miteinander hätten teilen können. Schließlich rafft der Abend ein historisches Geschehen zusammen, das sich über viereinhalb Jahrhunderte erstreckte: vom Triumph des römischen Feldherrn Gaius Marcius Coriolan über die Volsker im Jahr 493 v. Chr. bis zu Kleopatras Giftschlangen-Suizid 30 v. Chr.

Gespielt wird ein kurzweiliger gut dreistündiger Schnelldurchlauf nach Shakespeares drei Römerdramen „Corolian“, „Julius Cäsar“ und „Antonius und Kleopatra“. Die produktivste, auch hier wieder einmal ziel- und wirkungssicherste Turbotextschleuder des deutschsprachigen Theaters, John von Düffel, hat die Bearbeitung erstellt und zusammen mit der Regisseurin in die Spielfassung gebracht. 

Zu Beginn ist die Bühne mit Brettern verschlagen. Ein Hoodie-Rüpel mit Farbeimer schmiert die roten Worte ROM und DEMOKRATIE an den Bauzaun, zeigt dem Volk, also dem Publikum, den Stinkefinger, der Bauzaun hebt sich und gibt den Blick frei auf die weite dunkle Bühne von Thilo Reuther, die aus abstrakten Multifunktionsräumen besteht und durch den Einsatz der Drehbühne schnelle Ort-, Zeit- und Traumsphärenwechsel ermöglicht. Nun könnte es losgehen, alles ist bereit. 

Aber Michael Goldberg zögert in der Gasse. Corolianus will nicht auf die Bühne, auf den Rampenstuhl, den sichtbarsten Platz im Universum dieses Theaterabends. Und wer weiß, ob das Spiel überhaupt beginnen würde, wenn nicht Karin Henkel die auch bei Shakespeare schon bis zur Monströsität machtgierige Mutter Volumnia gleich dreifach besetzt hätte, so als innerfamiliäres Triumvirat – mit der fürderhin immer wieder als Spielleiterin und Publikumsverbündete fungierenden Närrin Kate Strong, der später als glanzvolle und beunruhigend kränkungsanfällige Kleopatra wiederkehrenden Anita Vulesica, sowie   mit Bernd Moss, der einen Abstieg vom Kaisermacher zum Soldaten mit desorientiertem Gewissen durchmacht. 

Zu Beginn aber sind die drei sehr begierig darauf, ihren Sohn an die Rampe zu bugsieren und ihn mit Blutpinseln zu bearbeiten, auf dass er dem Wahlvolk seine Tapferkeit in Form von Wunden vorweisen kann. Herrlichste Verletzungen, mit ordentlich Blut, „Fleischsaft“ und „Wundwasser“. Aber die Zeiten, in denen militärische Qualitäten für sich sprechen, sind vorbei. Der Plebs darf mitreden, er hungert, will beschenkt und noch schlimmer: geachtet sein. Die Mütter und der Senat haben das kapiert: „You have to play the game!“, „Man sagt nicht Scheißwähler!“, „Gib zwei Kornspeicher frei, es sind doch nur Gesten!“ – Doch Coriolan will nicht spielen: „Wenn Ihr den Pöbel an die Spitze lasst,/ Dann nur aus Angst und Feigheit./ Ich aber mach nicht mit bei Eurer Hurerei/ Mit dem gemeinen Volk!“

Der Volksverräter wird verbannt, zieht gegen Rom in die Schlacht, wird gemeuchelt und liegt dann aufgebahrt im Rampenschein auf dem Tisch, der ihm gleich komisch vorkam, weil er als rund bezeichnet wurde, aber Ecken hat. Dieser Runde Tisch wird noch für manchen arroganten Mächtling zur Opferbank. Denn strukturell wiederholt sich einiges an diesem Abend, sodass man glauben könnte, die Demokratie unterliege ewigen, also auch heute geltenden natürlichen Selbstverdauungsgesetzen und zyklischen Krisen, als könnte das Volk nicht lernen und müsste für immer in derselben gesellschaftlichen Pannenbaustelle leben. 

Dabei spielt dieser Abend sogar im Frieden – störende Kriege, Revolutionen und Schlachten sind versuchsweise ausgeblendet. Wieso lässt dieses Volk Julius Cäsar zum Tyrannen aufsteigen? Warum kann es mit der Freiheit nichts anfangen, die ihm der Verfassungspatriot Brutus schenkt, indem er den eitlen Tyrannen tötet? Wieso sind seine Verschworenen auch schon wieder so eitel drauf? Wie konnte sich die Republik zum desinteressierten Spielball im Machtkampf zwischen Antonius, Kleopatra und Oktavius machen lassen? Wieso handeln die Bürger einzig für den nächsten Vorteil, lassen sie sich so plump belügen und bestechen? Wieso stolpern die alle sehenden Auges in eine Populismusfalle nach der anderen? 

Es ist sehr unterhaltsam und tut wohl, diese dilemmatischen Fragen so intelligent und gut gespielt vor Augen geführt zu bekommen. Das entlarvte Schein-und-Sein-Spiel der Demokratie taugt im Theater als hervorragende Mitdenk- und Slapstickvorlage. In der richtigen Welt aber, die alle anderen Methoden der Machtverteilung durchprobiert hat, scheint ausgerechnet dieses vielverachtete, eitle, fadenscheinige, verdrießliche und auch noch mühevolle politische Spiel das robusteste Ordnungsprinzip zu sein, mit dem sich die Menschen im zivilisierten Zaum halten lassen. „Ich glaube an das Schlechte in uns“, sagt Brutus. „Deshalb glaube ich an die Republik.“ Und der Zuschauer, der mit dem Schritt aus dem Theater, wieder zum Mitspieler wird, geht erfrischt in die nächste Runde.

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