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Deutsches Theater Ich möchte ruhen

Doch Ruhe ist nicht: Jürgen Kruse inszeniert am Deutschen Theater Berlin „Das Missverständnis“ von Albert Camus.

Das Missverständnis
Sehnsuchtsnaturen: Barbara Schnitzler, Linda Pöppel (r.). Foto: Arno Declair

Immerfort schreitet ein dunkelschimmerndes Wesen, halb Zauberin, halb Dämon, über die Bühne und kehrt das dürre Stroh von hier nach dort. Ordnung schaffen, Sauberkeit. Allein, es nützt nichts. Es ist des Strohs kein Ende, es wird auch keine sinn- und ruhestiftende Ordnung, von Sauberkeit nicht zu reden.

In diesem geheimnisreichen Besenwesen hat man den gesamten zweistündigen Abend von Jürgen Kruse, seine innere Glut, sein Begehr, seine Spielweisen. Und man hat dies alles, wie es Kruse in seinen besten Arbeiten dem Publikum schenkt: als wäre es schief in eine noch schiefere Welt gehängt, als seien die Figuren mit ihren Sätzen und Sehnsüchten in ein falsches Leben geraten, als hingen sie mit dem einen Bein in einem dampfigen Gestern und mit dem anderen in einem vernebelten Morgen. Als führten die „Einzelhaftheiten“, wie sie hier sagen, ein Eigenleben. Aber welch sonderbar sirrende, zuweilen hochkomische, dann wieder abgrundtief traurige zwei Stunden Theater daraus werden! Schön, ach was: berückend. Und doch so beunruhigend.

Die Bühne von Volker Hintermeier ist mit einem Polizeisperrband abgetrennt. Dahinter: ein Hotelrezeptionstresen, eine Treppe ins Nirgendwo, ein Sofa, ein Hackstock, ein Stehpult und lauter Sachen, die einfach da sind. Bis in die Zuschauerränge der Kammerspiele am Deutschen Theater ist eine Schnur gespannt. Es hängen Rosen daran, Babyklamotten, zwei Blindenarmbinden, ein Kreuz. Eine Welt von Zeichen zugestellt, ein Gefängnis der Bedeutungen. Und hinten im Halbdunkel sitzt Jürgen Huth und wirft müde sein Schlagwort in die Runde: „Existenzialismus“. Existenzialismus?

Das Stück von Albert Camus, uraufgeführt 1944, stellt eine Mutter mit ihrer Tochter vor, die ein abgelegenes Hotel betreiben und die seltenen Gäste morden, um sie auszurauben. Die Tochter will weg, die Mutter spricht: „Ich möchte ruhen.“ Aber Barbara Schnitzler spricht es von hinter dem Tresen mit dem Finger am Leuchtglobus so, als wär’s eine Drohung, böses Zeichen. Existenzialismus? Auch nur eine Philosophie und kein Leben.

Dann jedoch taucht nach 19,99 Jahren, wie sie bei Kruse sagen, der verlorene Sohn auf. Auch ihn bringen sie um. Existenzialismus? Eher das Wüten der Racheengel der Geschichte. Denn dieser Sohn kehrt heim, um sich seiner Herkunft zu versichern – und stellt fest, dass alles anders als erinnert ist. Ein Mann im falschen Film. Er stirbt an Verirrung, an Selbstverwechslung.

Bei Kruse ist dieser Mann ein Söldner mit Sand im Stiefel, den Manuel Harder konsequent zum Lonely Rider macht und in Linda Pöppel als mörderisches Gegenüber eine optimale Duellpartnerin findet. Dieses unmögliche Paar überschüttet Kruse mit Geschichten, Zeichen, Songs und Grimassen, dass es zum Weltuntergangspaar wird. Wenn sie sprechen, sind die Verben verschoben, die Worte in Auflösung begriffen, alles hängt ab von „Dingen, Dingen, Dingeling, dong, dong“. Und alles ist in ein „Missverirrtum“ verwickelt und entsprechend parallel, wo die wirkliche Welt keine Parallelen erkennen will: Er ist auch ein Heimkehrer in eine DDR, die es nicht mehr gibt, sie ein Flüchtling in eine Super-Sonnen-Welt, die es genauso wenig gibt. Alles Feste, Sichere löst sich auf. Und wenn nichts mehr kommt, kommt bei Kruse immer ein Song: John Lennon, Wolf Biermann. Diesmal aber kommt auch ein Meteor, als wär’s ein Film von Lars von Trier. Und es kommt der tote Sohn als gefallener Engel der Geschichte zurück, mit Schmetterlingsflügeln.

Wer an diesem Abend versucht, den Zeichen- und Songsalat zu ordentlich überschaubaren Deutungshäufchen zusammenzukehren, ist verloren. Die Sinnlosigkeit solcher Sauberkeitsansinnen macht das halbdämonische Besenwesen ja gerade vor: Alle Ordnungsversuche dieser (Bühnen) Welt sind in den Wind geschrieben. „Blowin’ in the Wind“, Bob Dylan, das spielt Kruse auch einmal ein, klar. Denn „alles ist, äh, schwierig“, wie Linda Pöppel vermeldet. Ist denn nirgends Ruhe, nirgends Sinn? Ist alles durcheinander geraten, die Welt zur Müllhalde der verbrauchten Hoffnungen geworden, zum Ort eines namenlosen Verbrechens wie diese Bühne hier behauptet? „The answer, my friend, is blowin’ in the wind.“

Besser hat es an diesem so coolen wie unverschämt ungeschliffenen Abend, wer ihn als Bild nimmt, am besten vielleicht wie eines von Hieronymus Bosch: als Angst- und Sehnsuchtsgemälde, voller schräger Existenzen, Fabelwesen, Schauerausgeburten, Witzfiguren. Schön.

 

Deutsches Theater Berlin: 6., 16., 25.
Dezember. www.deutschestheater.de

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