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Deutsches Theater Berlin Schmeckt, sättigt aber nicht

Stephan Kimmig inszeniert am Deutschen Theater Berlin Elfriede Jelineks Weltpolitikstück „Am Königsweg“

Am Königsweg
Linn Reusse, Anja Schneider in „Am Königsweg“. Foto: Arno Declair

Es wird gekocht an diesem Abend. Es ward deshalb auch eine schicke Einbauküche auf der Bühne errichtet, beige, mit hohen Turmbauten, zum alltäglichen Gebrauch ungeeignet. Aber – es wird dennoch gekocht.

Holger Stockhaus legt andächtig Wiener Würstchen in die Pfanne, wendet sie, streicht sich den Seitenkopfdutt zurecht, blickt vergnügt ins Publikum und stopft die Würste in den Mixer (kreisch!), um darauf den so zubereiteten Wurstbrei in eine Riesenspritze umzufüllen, diese wie eine Pistole auf die Mitspieler und das Publikum zu richten (kreisch!!) und schließlich Anja Schneiders Gesicht zu besprengen (kreisch!!!). Was ein Vergnügen. Noch lustiger dann das genüssliche Gesichtablecken, das Stockhaus gemeinsam mit Linn Reusse erledigt.

Wenn das kein hübsches Symbol auf unsere ach so abgeschmackte Gegenwart ist: In einer Monsterküche (entworfen von Katja Haß) wird ein unappetitliches Etwas zusammengerührt und als seltene Köstlichkeit genommen. Oder anders: Es wird noch jede Suppe ausgelöffelt, wenn sie in der richtigen Koch-Show serviert wird. Es gibt ohnehin keine feststehenden Geschmackskriterien – was heute als ekelhaft gilt, ist morgen schon eine Delikatesse. Insofern: her mit dem Würstchenbrei!

Das Deutsche Theater Berlin hat also Elfriede Jelineks Werk „Am Königsweg“ von Stephan Kimmig inszenieren lassen. Und was darf (und soll) man nicht lachen bei dieser Veranstaltung. Die Augen von Holger Stockhaus! Anja Schneider sächselt! Božidar Kocevski trägt eine Rap-Nummer vor! Natürlich ist das alles hochpolitisch und überdies hochgegenwartskritisch, will es jedenfalls sein. Und es ist superlustig. Das muss ja kein Widerspruch sein.

Die Uraufführung dieses Jelinek-Stücks durch Falk Richter am Hamburger Schauspielhaus, eingeladen zum diesjährigen Theatertreffen, liegt ein gutes halbes Jahr zurück. An die Verpflichtung, irgend den Text zu präsentieren, fühlte sich Kimmig entsprechend offenbar nicht gebunden. Er hat ihn nicht nur kräftig eingestrichen, er hat ihn gehörig umgebaut, sprich: gedeutet. Während Jelinek den Aufstieg und das sonderbare Gebaren Donald Trumps mit (selbstreflexiven) Fragen nach der Möglichkeit des Schreibens darüber verbindet, der Blick auf das konkrete politische Geschehen also zugleich ein Blick auf das Sprechen und Schweigen darüber ist – verzichtet diese Zwei-Stunden-Inszenierung größtenteils auf die Trump-Verweise und Selbstreflexionen.

Es bleiben: Show, Slapstick und Spielereien. Sie ist dabei von einem dunkel-trüben Geist durchdrungen: Für Stephan Kimmig ist alles, was im weitesten Sinne Politik oder Kunst genannt zu werden verdient, längst zum bloßen Business geworden. Wo Jelinek noch einen Funken Hoffnung in die Wirklichkeitsdurchdringungskraft der Literatur setzt, hat Kimmig scheinbar alles Hoffen aufgegeben. Bleibt die Frage: Ist das noch Pessimismus oder schon Populismus?

Es ist zumindest ein sehr verzweifelter Show-Spaß, der daraus entsteht. Was auch geschieht an diesem sonderbar aufgekratzten Abend, es kippt alles ins Lächerliche. Und es geschieht ja viel: Kasperletheater mit Lauchstangen, Tanz mit einem Miss-Piggy-Doppel, im Chor wird das berühmte „Abendlied“ von Hanns Dieter Hüsch gesungen („Die Lampen leuchten, der Tag ist aus“), Božidar Kocevski turnt in einem Ganzkörpergoldanzug in der Küche herum, Marcel Kohler trägt ein Dutzend Brillen im Gesicht und niemand sonst vermag so lustig Eier aufzuschlagen wie Stockhaus.

Mal sprechen sie dabei, als wären Worte bloße Silbenhaufen, dann wieder, als gelte es, unverrückbare Wahrheiten zu verkünden. Aber alles zerfasert in diesem Live-Cooking-Theater, alles zerbröselt, als wolle er sich selbst immerfort den Boden unter den Füßen wegziehen – und den unaufhaltsamen Fall ins Bodenlose vorführen. Oder anders: Einer wie Trump ist keine Ausnahme, sondern die Regel einer (politischen) Wirklichkeit, die sich selbst permanent in die Taschen lügt.

Das lässt den Abend dramaturgisch wie eine Nummernrevue aussehen und inhaltlich zum Abgesang werden. „Der König ist nicht nackt, er ist blind“ – und alle anderen sind es auch. Darauf läuft es hier hinaus. Interessant.

Nur: Macht es sich diese Inszenierung mit dem Jelinek-Text und der Wirklichkeit damit nicht ein bisschen sehr einfach? Am Ende wird übrigens gemeinsam am Tisch gesessen und gegessen, was vorher nicht gekocht wurde, sondern als Fertiggericht aus der Backröhre kommt. Auch ein hübsches Symbol: Diese Inszenierung weiß schon die Antworten, noch bevor sie die Frage kennt. Lustig.

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