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Deutsches Theater Berlin In der Falle

Deutsches Theater Berlin: Karin Henkel inszeniert „Drei Schwestern“ nach Tschechow als eine Parabel des Stillstands.

„Drei Schwestern“
Karin Henkel inszeniert „Drei Schwestern“ neu und führt das Stück in Berlin auf. Foto: Arno Declair

Stillstand und Wiederholung, davon erzählt der Abend – und mit entschlossener dramaturgischer Todesverachtung tritt dabei er selbst auf der Stelle. Karin Henkel hat Anton Tschechows „Drei Schwestern“ am Deutschen Theater Berlin zur Zombieshow verfremdet.

Das erste Bild verrät schon alles: Der Nebel der Erinnerungen lichtet sich, eine containergroße Wohneinheit wird auf halber Höhe ins Bild gedreht, darin steht die alterslose Bühnenträumerin Angela Winkler mit ihren 74 Jahren, lässt ihre Augen schimmern, ihr Wesen in Sphären hinauf- und in ihre Seele hineinlauschen. Sie ist Irina, die einstmals jüngste, nun wohl letzte der drei Schwestern, jene, die selbstbestimmt arbeiten wollte, nach fünf Jahren in die Ehe mit dem Offizier Tusenbach einwilligte, ihm ihre Nichtliebe gestehend, auf dass dieser sich im Duell erschießen ließ. Alles Jahre her in diesem Augenblick, hundert vielleicht. Dann kippt die Stube zur Seite ab, der tote Tusenbach, noch mit Blut an der Stirn, kullert aus dem Schrank.

Seine echounterlegte Stimme wird eingespielt: „Ich habe eine solche Lust zu leben und diese Lust gehört für mich untrennbar zusammen mit meiner Liebe zu Ihnen, Irina. Als wäre das nie anders gewesen. Wenn ich in Ihrer Nähe bin, ist das Leben so schön!“ Den blutigen Mund muss der Untote zum Sprechen nicht bewegen, es reicht, ihn aufzuklappen wie zum Schrei.

Die komplizierte Bühnenzimmerkiste (wegen der es wohl zur Verschiebung der Premiere um ein paar Tage kam) wird weggedreht, wir wandern zurück in jene längst vergangene Gegenwart des Stücks, das in der russischen Provinz spielt. Bei Tschechow ist der Vater der Schwestern vor einem Jahr, bei Karin Henkel „vor langer Zeit“ gestorben. Hundert Jahre will bei Henkel Olga schon am Gymnasium arbeiten – sicher eine rhetorische Übertreibung, um ihre Kopfschmerzen nachfühlbar zu machen. Andererseits ist die Ewigkeit so lang wie ein Augenblick, wenn sich nichts verändert. Und darum geht es fortan in Variationen.

Die Schwestern sind mit Männern besetzt, um den Text fremd zu stellen. Mit Hilfe von Glattmasken und Kostümwechseln können diese jeweils in eine zweite Rolle springen und die Männer, die die Schwestern lieben oder eben nicht, gleich mitspielen: Benjamin Lillie ist sowohl der euphorisch liebesbekümmerte Tusenbach als auch die jung ermüdete Irina. Mascha und ihr zu alter, langweiliger, unterwürfiger Lehrermann Kulygin stecken im Körper von Michael Goldberg, und die Kehrseite von Bernd Moss’ Olga ist der einzige ernstzunehmende Mann Werschinin – Amtsnachfolger des Vaters, leider in einer unglücklichen Ehe gefangen, aus der er bestimmt noch ausgebrochen wäre, wenn seine Brigade nicht verlegt worden und mit ihr das letzte Leben aus dem Städtchen entwichen wäre.

Felix Goeser – mit kreisrundem Haarausfall und viel Theaterspeck ausgestattet –  vegetiert als begabter und ausgelaugter Bruder Andrej dahin, dilettiert auf dem Cello, bastelt Bilderrahmen und verspielt sein Erbe. Zugleich schiebt derselbe Goeser als Andrejs kampfvitale und fortpflanzungsfreudige Frau Natascha mit ihrem unerschöpflichen Bulldozerkinderwagen alles zusammen, was noch Würde und Kultur haben könnte.

Selten hat man etwas Trostloseres gehört, als das aus hohlem Herz ins Leere oder gegen die Wand gerufene „Nuja, nujaaa“, mit dem Goeser ein irgendwo schreiendes Kind zu trösten versucht, das er vielleicht selbst ist. Einmal will Andrej dem Ganzen entkommen, hastet mit fliegendem Nackenhaar durchs dunkel vernebelte Bühnenrund und findet keine Gasse in die Welt. Vermutlich hat man vergessen, solche Identifikationsmomente auszumerzen, denn ansonsten reproduziert der Abend mit zusammengestrichenem Tschechow-Text Stillstand, Depression und Lebensfeindlichkeit.

Der Dramatiker würde mit seinem untröstlich nachsichtigen Lächeln auf eine solche Bußübung schauen: Warum quälen sich die Menschen so?

Deutsches Theater Berlin: 16., 24. November. 6., 16., 27. Dezember. www.deutschestheater.de     

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