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„Der Spieler“ Das Teufelsrad

Andreas Kriegenburg setzt auf „Der Spieler“ von F. M. Dostojewskij im Münchner Residenztheater.

Szene aus "Der Spieler"
Eine Welt unter dauernden Drehungen. Foto: Matthias Horn

Ständig hängt ihm das weiße Hemd aus der dunklen Anzughose, das Jackett hat er längst abgelegt: Alexej Iwanowitsch (Thomas Lettow), der Hauslehrer im Haus des Generals, kommt einfach nicht zur Ruhe, er taumelt zunehmend. In den fast drei Stunden der Premiere von Andreas Kriegenburgs Inszenierung von Dostojewskijs „Der Spieler“ am Münchner Residenztheater werden Iwanowitsch und alle weiteren Figuren in dauernde Drehungen versetzt, was letztlich nur die Bekleidung verrutschen lässt. Die Handlung bleibt schwunglos und erwartbar, die Charaktere entwickeln kaum Profil, Dostojewskijs Erzählung verschwimmt – trotz aller Textnähe. 

Die Geschichte hat der Autor selbst prägnant skizziert. Sie handelt davon, wie ein im Ausland lebender Russe im 19. Jahrhundert drei Jahre lang selbstzerstörerisch und fieberhaft Roulette spielt – mit allen möglichen Beziehungsverwirrungen, im Unglück surfend. Verantwortlich für die betäubend-schöne Rahmung auf dem weiten Feld des Residenztheaters ist die faszinierende Drehbühne von Harald B. Thor: ein umgekippter, sich weiter drehender Windmühlenflügel, eine sechszackige Steg-Komposition mit Eisengeländern, die abgesenkte, isolierte Spielflächen formt – meterhoch über dem Boden. 

Auf diesem extrem brüchig wirkenden, schwer zu bewältigenden Grund aus wackeligen Holzbohlen (ein oft elegantes, sportlich herausforderndes Auf und Ab, für alle fordernd) wird die ganze Familie-Bande des Generals (Thomas Loibl) auf eine Glücksspiel-Reise mit stetem Umsteigezwang geschickt: Selten dauert der Aufenthalt auf einer der inselartigen kleinen Spielflächen mit Kernmobiliar (ein Bett = Schlafzimmer, zwei Lederclubsessel = Salon, eine Chaiselongue = Empfangsraum etc.) länger als ein hastig getrunkenes Glas Perlwein der höchsten Güteklasse. Alkohol (hier wie immer als Motor der Bewegungen und Verdrängungsmittel zugleich) wird reichlich zu sich genommen, davon zeugen Dutzende leere Flaschen fast überall. 

Wie Kugeln im Roulettekessel werden die Figuren hin und hergewirbelt, finden keinen Halt, stolpern von einem Kugelfach ins nächste. Ein deprimierendes Dauerdilemma, ein treffendes Bild des Selbstverlusts. Croupier Kriegenburg scheint dem Publikum den harten Stoff nicht zumuten zu wollen, er wendet das Stück bis zur sehr späten Pause ins Boulevardeske: Das physische Spiel des Ensembles ist gestisch und mimisch gewollt überzeichnet, nahezu verrückt macht die Zuschauer aber der Rückgriff in die Mottenkiste der Belustigung: der Marquis des Grieux (Philip Dechamps) und Mr. Astley (Thomas Gräßle) sowie Hanna Scheibe als Mademoiselle Blanche, allesamt Randexistenzen der verlorenen russischen Exil-Gesellschaft auf deutschem Boden, dürfen hemmungslos englische und französische Sprachakzente vortäuschen: Dasse gehte gaar nischte. Und warum bleiben die sich routinehaft aus- und anziehenden attraktiven jungen Frauen erotische Abziehbilder? 

Charlotte Schwab als Tante des Generals mit tiefer, lebensgereifter Stimme steht im Mittelpunkt einer Szene, die in Erinnerung bleibt: In Castorf-Manier in Großaufnahme verfolgt die Handkamera sie, am Spieltisch sitzend und nervös-naiv immer wieder auf „Zéro“ setzend. Zeit wird gestrafft und gedehnt, für einen Moment entsteht ein lebendiger Sog bis in den Zuschauerraum hinein. 

Nach der Pause ein Perspektiv- und Lichtwechsel. Dem Rausch folgt der Kater, auf die Casino-Atmosphäre das Ausnüchterungs-Bild. Der Glasleuchter über dem zuvor dauerbespielten Roulettetisch im Zentrum der Bühne ist inzwischen abgehängt und verhüllt, Düsternis hat Einzug gehalten und begleitet auch Iwanowitsch auf seiner Flucht mit Mademoiselle Blanche nach Paris, wo sie ihn nach allen Regeln der Kunst ausnimmt. So what? 

Auf dem Münchner Oktoberfest findet man das „Teufelsrad“, eine einfache, sich immer schneller drehende Holzscheibe, auf der jeder irgendwann den Halt verliert und zur Belustigung der Umstehenden erbarmungslos abgeräumt wird. Danach stolpern alle verwirrt in die Nacht und den Rest ihres Lebens. Was an diesem Theaterabend fehlt, ist solch eine Intensität und Spürbarkeit der tiefen Zentrifugalkräfte unseres Daseins – mögen diese ökonomische Zwangssysteme oder psychische Verwundungen sein.

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