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Der „Ring“ in Leipzig Zu locker das Seil

Leipzigs „Ring“ kombiniert Galastimmen mit Stadttheaterbildern. Rosamund Gilmore liefert eine erzählende, letztlich aber zu unverbindliche Inszenierung ab, Ulf Schirmer lässt das Gewandhausorchester brausen. Das Publikum beim ersten Durchlauf: außer sich vor Glück.

Weltenbrand mit Tanzenden. Auf dem Flügel, verhüllt: Siegfried und Brünnhilde. Foto: Tom Schulze

Am Ende passiert noch einmal einiges. Hagen geht etwas lapidar nach hinten ab, offenbar springt er dort in den imaginären Fluss, den Rheintöchtern nach, die zuvor beherzt den Ring vom Finger des toten Siegfried gezogen haben. Ein Flügel, auf dem Siegfried gebettet ist, wird in rotes Licht getaucht. Brünnhilde legt sich zu ihm. Tücher fallen von der Decke und bedecken Teile der kleinen Gruppe, die seit vier Abenden hier tanzt, bisweilen: herumtanzt. Aus herabsinkenden Säulen tauchen erneut die Götter auf, die sich eben noch staunend in der Dämmerung umgesehen haben. Am Ende, jetzt wirklich am Ende, glimmt hinten gelbglänzendes Gewölle, das Rheingold.

Ja, alles kann gleich wieder von vorne los gehen, ein weder falsches noch dummes noch starkes Abschlussbild zum neuen „Ring des Nibelungen“ an der Oper Leipzig. Kein Freund der Musik von Richard Wagner in der Stadt wird müde zu betonen, dass es die erste Neuinszenierung seit 40 Jahren ist. 1976 schloss Operndirektor Joachim Herz mitten in der DDR einen Jahrhundertring ab. Heute führt die aus Großbritannien stammende Rosamund Gilmore Regie, und der gewaltige Jubel am Ende des ersten Komplettdurchgangs täuscht nicht darüber hinweg, dass es diesmal keiner geworden ist.

Ein interessanter Fall aber. Gilmore, deren Tetralogie 2013 startete, setzt auf ein Erzähltheater, das dem von Regieeinfällen offenbar arg sich geschunden fühlenden Publikum zum Teil gut tut, weniger gut hingegen unterm Strich dem Werk.

Die teils rigorose Verweigerung einer Deutung wird gestützt durch die schlichte, für viele Opern taugliche Bühnenarchitektur von Carl Friedrich Oberle, die mit einem großen Treppenhaus im „Rheingold“ eindrucksvoll startet, auch im „Siegfried“ mit einer originellen Graswildnis und einer Neidhöhle unter eingebrochene Brücke auf sich aufmerksam macht.

Brünnhilde im – Hausanzug?

Trotzdem bleiben die Bilder unverbindlich – untereinander und gegenüber dem Handlungsverlauf –, ebenso wie die Kostüme von Nicola Reichert: Einige reizvoll (Rheintöchter in nostalgischem Flitter), andere Freischütz-tauglich (Chor) oder indiskutabel (die „Götterdämmerungs“-Brünnhilde im – Hausanzug?).

In diesem vagen Ambiente – stört nicht, sagen Musikhörer gerne dazu – müsste nun eine extrem akribische Personenführung alles herausreißen, könnte es auch, aber Gilmore bietet das nur in Momenten. Oder in Figuren, die wie Tuomas Pursio in einer – im Gesamtdurchlauf – unorthodoxen Doppelrolle als „Rheingold“-Wotan und Gunther dermaßen filigran spielen, dass sich alles von selbst ergibt: Der junge, freche Gott, der nichts liegen lässt (seine Augenhöhle blutet noch), genialisch unkonzentriert, und nachher der glücklos pompöse König, das sind zwei Figuren, die im Gedächtnis bleiben. Es überwiegt demgegenüber Opernkonvention, mit gutem Geschmack dargeboten, aber mit Geschmack allein ist Wagner nicht beizukommen, heut haben wir’s erlebt.

Der andere Kardinalfehler ist die Tanztruppe, auf die die auch als Choreographin tätige Regisseurin mehr zu bauen scheint als auf die Sänger. Die Folge davon ist schlimmstenfalls, dass statuarische Solisten regelrecht umhüpft werden, wie am Ende des „Siegfried“. Es gibt auch stärkere Situationen (die Nornen können praktisch Menschen verweben).

Dass manches in diesem so jungen „Ring“ schon abgespielt wirkt – vor allem in der „Walküre“, dem schwächsten Glied zwischen den weit überzeugenderen „Rheingold“ und „Siegfried“ –, mag mit dem Gewaltakt des ersten Durchlaufs zu tun haben. Der musikalisch verblüffte: Mit Solisten auf Festspielniveau und zwar bis in die letzten Verästelungen (Walküren, Nornen, die Rheintöchter ohnehin). Dazu mit Stars wie Evgeny Nikitin als ganz coolem „Siegfried“-Wotan oder Andreas Schager als niederschmetternd spielendem, aber makellos singendem Siegmund.

Während man noch dachte, Stefan Vinke als „Siegfried“-Siegfried sei nicht zu übertreffen, knüpfte in der „Götterdämmerung“ Thomas Mohr nahtlos an. Völlig ebenbürtig zum Abschluss die hauseigene Brünnhilde-Debütantin Christiane Libor.

Dazu ein außergewöhnlich kernig aufspielendes Gewandhausorchester unter Leitung von Intendant Ulf Schirmer. So dürfen Bläser nicht allenthalben tosen, aber sie tosten makellos.

Oper Leipzig: Zweiter Durchlauf startet am 28. Juni. www.oper-leipzig.de

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