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„Der kalte Hauch des Geldes“ Und lustig knallen die Platzpatronen

„Der kalte Hauch des Geldes“ , eine verjuxte Uraufführung in den Frankfurter Kammerspielen.

Hier ist es erwiesenermaßen nicht nur der Kapitalismus, der Kälte produziert. Foto: Birgit Hupfeld

Das Signal, das Titel und Untertitel senden, geht ganz klar in Richtung: Dieser Abend handelt vom Raubtierkapitalismus. „Der kalte Hauch des Geldes. Ein Finanz-Western“ hat Alexander Eisenach ein Stück aus seiner Hand genannt, er zeichnet verantwortlich für Text und Regie. Jetzt war in den Kammerspielen des Schauspiels Frankfurt Uraufführung des „Kalten Hauchs“; in Frankfurt war Eisenach in der vorigen Saison 2015/16 Mitglied des so genannten Autorenstudios, einer Dramatiker-Nachwuchsförderung des Theaters.

Der Eindruck des Titels täuscht keineswegs, auch wenn es sich nicht wirklich um einen Western und nicht wirklich um das ernsthafte Anliegen handelt, sich mit dem Kapitalismus und seinen Auswüchsen zu befassen. Eisenachs Text und Regie folgen durchweg der Tendenz junger Theatermacher – er selbst ist Jahrgang 1984 –, sich einerseits mit aktuellen gesellschaftlichen Themen befassen zu wollen, andererseits nach Möglichkeit einen großen Jux zu inszenieren.

Wer mit der Theater-Zeit geht, durchbricht heute die vierte Wand mit Späßchen – „das ist heiliger Bühnenboden“ heißt es etwa mehrfach, wenn die Darsteller nach Harter-Mann-Manier ausspucken. Wer mit der Theater-Zeit geht, filmt die Schauspieler ab und projiziert ihre Gesichter groß auf eine Leinwand wie bei einem Popkonzert (Video/Live-Kamera: Oliver Rossol). Ein Muss ist derzeit auch die Verteilung von Ohrenstöpseln ans Publikum, weil es mindestens einmal richtig laut wird. Hier bei einer wilden Platzpatronen-Schießerei. Ein Muss ist außerdem der Musiker auf der Bühne. Hier Bernhard Karakoulakis alias Boo Hoo als Gitarrenschrammler und Folksänger.

Jedes dieser Mittel kann seine Berechtigung haben, im „Kalten Hauch des Geldes“ wirken sie seltsam routiniert, aber auch aufgepfropft. Viel lieber hätte der Regisseur wohl einen Film gedreht, nur leider hatte er nur einen Theater-Auftrag.

Drei gewissenlose Buben – Christian Kuchenbuch als Goldbaron Baxter, Lukas Rüppel als Sneaky Sam, Christoph Pütthoff als Sheriff – starren zunächst in die Kamera. Die Augen sind zugekniffen, was sonst. Kuchenbuch als Boss schmaucht eine dicke Zigarre, was sonst. Sporen klirren, breitbeinig schlurfen die Cowboy-Kerle herein. Kneipen- und Puffwirtin Marisol, Verena Bukal, erzählt auch gleich die Vorgeschichte des Orts El Plata, wo inzwischen die Goldmine nichts mehr hergibt. Der reiche Baxter will zuerst Kredite verkaufen an jene, die das noch nicht wissen und auf ein Stück Land scharf sind. Dann will er die Kredite weiterverkaufen.

Auftritt: ein Fremder mit Namen Nomoney. Er (mit aufgeklebtem Schnurrbart: Sina Martens) will die gewissenlosen Buben stoppen. Jeder erschießt jeden. Nach der Pause trifft man sich – immer noch blutig, aber immerhin im flauschigen Wintermantel – in einer Schneelandschaft wieder, die mit Tannen und Wegekreuz ein bisschen nach Oberbayern aussieht (Bühne: Daniel Wollenzin). Das hat einen gewissen Unterhaltungswert, vor allem, da die Schauspieler allesamt im professionellen Filmwestern auftreten könnten. Sie haben alle Posen der Lässigkeit drauf, auch die beiden Frauen geben harte Klischee-Hunde.

Soweit ist dieser „Finanz-Western“, was er nach dem Willen seines Regisseurs wohl sein soll: ein ausgedehntes, auf die Spitze getriebenes optisches Zitat (zünftige Kostüme: Julia Wassner).

Aber da ist auch noch der Text (zweieinviertel Stunden lang mit Pause). Vielleicht würde Alexander Eisenach gern einen leicht absurden Wortüberschuss à la René Pollesch erzielen, aber viele seiner Dialoge erinnern fatal an diese Schiebedinger aus Pappe, auf denen „Phrasendreschmaschine“ steht. Da sagt Nomoney: „Sie sind auf dem Weg in eine Gesellschaft, in der nicht justiziable Subjekte wie Sie, Sheriff, die Kontrolle haben, sondern die variablen Erwartungen ihrer derivativen Potentiale und Handlungen, die algorithmisch geformt, separiert, evaluiert und schließlich exekutiert werden.“ So geht es Zeile um Zeile weiter. Es mag ironische gemeint sein, aber es pfeift doch zu einem Ohr hinein und zum anderen hinaus. Oder ist es bloß Ironie?

Alexander Eisenach will vermutlich einerseits politisch und gesellschaftskritisch, andererseits ein supercooler Theatermacher sein. So macht er einen Schritt vor und gleich wieder einen zurück ins sinnfreie Gefaxe. Von dem Abend bleibt nur die Freude an den feinen Schauspielern.

Schauspiel Frankfurt, Kammerspiele: 16., 18., 21. November. www.schauspielfrankfurt.de

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