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„Der Auftrag“ am Gorki-Theater Dies Theater ist zu Ende

Sensationell misslungen: Das Berliner Gorki versucht sich an Heiner Müllers Diskussionsstück „Der Auftrag“. Hinter der Bühne muss es weitaus interessanter zugegangen sein.

11.12.2016 17:33
Dirk Pilz
Ruth Reinecke in „Der Auftrag“ am Gorki-Theater Berlin.

Nach fast 13 Jahren hat Berlin wieder eine sensationell misslungene Inszenierung des berühmten Revolutionsstückes „Der Auftrag“ von Heiner Müller. Damals im fernen Januar 2004 holte der Müller-Schauspieler Ulrich Mühe in einer aufwendigen Inszenierung lauter Groß-Spieler ins Haus der Berliner Festspiele (Jürgen Holtz, Inge Keller, Christiane Paul, Udo Samel) und trug den Text mit viel herbeigeschafftem Pathos zu Grabe. Unvergesslich vor allem deshalb, weil man sich seinerzeit wundern durfte, wie achselzuckend der Müller-Text genommen wurde. Jetzt hat Mirko Borscht ihn ans Gorki-Theater geholt, und wieder geben die knapp zwei Stunden reichlich Anlass zum Staunen, allerdings aus gänzlich anderen Gründen.

Zur Erinnerung: „Der Auftrag“ ward 1979 geschrieben. Müller hat das Stück selbst zwei Mal inszeniert, auch die Uraufführung an der Volksbühne (1980). Es geisterte zuletzt viel über die Bühnen, vor allem als Fragment in Inszenierungen Frank Castorfs, der es vor zwanzig Jahren auch einmal komplett auf die Bühne brachte, im Berliner Ensemble, übrigens auch ein schrecklicher Abend, eine bloße Zynismus-Show.

Das Stück erzählt die Geschichte dreier Abgesandter der Französischen Revolution (Sasportas, Galloudec, Debuisson), die Jamaika von der Sklaverei befreien wollen: Das „Beil der Gerechtigkeit“ soll „die Brandfackel Freiheit Gleichheit Brüderlichkeit in alle Länder tragen“. Der Auftrag scheitert, Debuisson verrät die Revolution, er lacht über „den Stumpfsinn der Brüderlichkeit“: „Das Theater der weißen Revolution ist zu Ende“. Ach ja?

Die Vieldeutigkeit ist Unmissverständliche gekippt

Im Gorki-Theater singt Romy Camerun melancholiesatte Jazz-Songs am Flügel. Der Raum: ein beiges Labor, in der Mitte eine hohe Röhre mit kontrastmittelgefilterten Bildern des neuen alten Menschen, vielleicht eine Reminiszenz an Fritz Langs futuristischen Stummfilm „Metropolis“. Galloudec (Aram Tafreshian) und Sasportas (Falilou Seck) liegen zu Beginn als nackte Leichen auf der Bühne, hergerichtet von Debuisson (Till Wonka). Sie werden zu Uniformierten (blauer Anzug, schwarzer Schlips) erweckt, sprechen, schreiten und schweigen wie Erinnerungsalpdruckbilder, als wäre die Revolution zum Zwang mutiert: Das Theater der weißen Revolution ist hier zu Ende, noch ehe es beginnt. Den vielzitierten revolutionsdialektischen Monolog vom „Mann im Fahrstuhl“ rezitiert Ruth Reinecke entsprechend, als wäre es bloßes Vergangenheitsrelikt: jede Silbe ausgekühlt, wie Fremdware. Die bitteren Debuisson-Sebstrechtfertigungen mischt Wonka mit bleckendem Zorn; auf seiner Brust ist das Wort „Hure“ geschrieben: Die Müller’sche Vieldeutigkeit ist ins Unmissverständliche gekippt. Fast alle Dialoge, fast alle Sätze klingen, als würden sie weggeheftet, verworfen.

Das hat seine Gründe. Müllers Stück verhandelt nicht nur die Hybris eines Westens, der glaubt, seine Werte und Wertungen exportieren zu müssen. Es verlängert, wider Willen, auch die damit verbundenen Wort- und Weltsichten. Das Gorki-Theater hat deshalb weitgehend darauf verzichtet, das von Müller gern eingesetzte N-Wort zu verwenden, nach „intensiven Diskussionen“, wie es auf dem Programmzettel heißt. Nur finden diese Diskussionen keinen Niederschlag in den Spiel-, Sprech- und Denkweisen der Figuren. Sie bleiben trockene, seelenlose Behauptung. Man sieht so weder die internen Debatten noch das Müller-Stück, man sieht eine Inszenierung, die alles richtig machen will und jedes Spiel verhindert. Man sieht Theater aus Angst vor den Doppeldeutig- und Unwägbarkeiten der Kunst selbst, also auch Theater, das glaubt, seine Zuschauer vor dem Selbstdenken schützen zu müssen und folglich mit Fertigbotschaften versorgt. Die Intention schlägt hier in ihr Gegenteil um: Das Publikum wird zur unmündigen Masse herabgestuft.

Noch seltsamer wird diese Inszenierung dadurch, dass auch ein syrischer Theatermacher, Ayham Majid Agha, mitspielt, der zuvor angab, für ihn sei das Stück „das zeitgenössische Abbild einer Revolution, die nah an der war, über die ich schrieb“, über die syrische. Diesen Erfahrungen wird an dem sonderbar angstbesetztem Abend jedoch kein Raum gelassen, als fürchte er sich vor Missverständnissen, Fehldeutungen, Inanspruchnahmen. Die Furcht ist zwar berechtigt. Folgerichtiger wäre es dann aber gewesen, statt des Stückes die internen Diskussionen auf die Bühne zu holen.

Jedoch: Bei Mühe und Castorf wirkte der Text, als sei das Theater gänzlich aus der Welt der Widersprüche gefallen, bei Borscht findet sie statt, wenn auch nur hinter und nicht auf der Bühne. Immerhin.

Gorki-Theater Berlin: 11. Dezember, 7., 9. Januar. www.gorki.de

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