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„Das Rheingold“ in Duisburg Die Welt ist ein Salon

Gutgelaunt, allerdings etwas hemdsärmelig lässt sich Dietrich Hilsdorfs Ring für die Oper am Rhein an.

Szene aus „Rheingold“
Schwarzes Gold: Alberich gängelt die Nibelungen, die quer über die Bühne donnern. Foto: Hans Jörg Michel

Ein neuer und vorerst ziemlich unterhaltsamer Ring entsteht an der Oper am Rhein, wo Richard Wagners „Das Rheingold“ von dem Regisseur Dietrich Hilsdorf und dem Dirigenten Axel Kober weitgehend putzmunter umgesetzt wird. Nach der Düsseldorfer Premiere im Sommer ist der Vorabend der Tetralogie jetzt im Opernhaus Duisburg zu sehen. Wir nutzen die Gelegenheit und steigen noch schnell zu.

In die Stille vor dem ersten, bei Kober und den Duisburger Philharmonikern recht kernigen Ton tritt ein etwas schmieriger Variétédirektor auf die altmodisch glühbirnchengeschmückte U-Kunst-Bühne auf der Opernbühne und führt einen kleinen Feuerzauber auf. Sieh an, es ist also Loge, der dann Heines „Loreley“-Anfang zitiert, und zwar so, dass das „es“, von dem man nicht weiß, was es bedeuten soll, auch das Es-Dur des Vorspiels sein könnte. Ein mittelmäßiger Kalauer, aber er passt, weil Loge ein Windei ist und man das Niveau der Götterwelt bei Wagner insgesamt nicht überschätzen sollte. Raymond Very, mit einem schönen, für Loge recht milden Tenor, darstellerisch sichtbar voller Behagen gegenüber der einleuchtenden Personenführung, wird als eine Art Conférencier und Vorhang- bzw. Fadenzieher durch den Abend führen. Zunächst einmal aber Alberich zu den Rheintöchtern, bei denen er, Loge – man ahnte es schon länger, aber Hilsdorf führt es vergnüglich vor –, ein und aus geht. In der bürgerlichen Welt um 1870, an die Renate Schmitzers Kostüme und Dieter Richters etwas angestaubter Salon denken lassen, sind die Rheintöchter recht eindeutig als leichte Mädchen auszumachen. Moralisch ist das allen Beteiligten diesseits und jenseits der Bühne außer Fricka egal. Heidi Elisabeth Meier, Kimberley Boettger-Soller und Iryna Vakula sind allerliebst und singen wie die Sirenen.

Der Salon hat plüschige Sitzgelegenheiten, so dass sich Erda, Ramona Zaharia mit rundem, weichen Ton aus einer anderen Welt, aus einem Rundsofa schrauben kann. An einer Seite bietet eine Treppe – wohl zum Rheintöchter-Etablissement – das vielfach erforderliche Oben und Unten, über das Inszenierungen oft hinweggehen müssen. Von der anderen Seite aus treffen die gutgekleideten Götter ein, noch in Reisemänteln und mit Koffern. Wotan, der eine starke kleine Sonnenbrille benutzt, sitzt merkwürdigerweise im Rollstuhl, aber da bleibt er eh nicht. James Rutherford, ein kraftvoller Bariton, der auch in Richtung der großen „Walküre“-Partie Hoffnungen weckt, ist vergnügt dabei, wenn Hilsdorf signalisiert, dass ihm jedweder Respekt vor dem Gott und Filou abgeht. Mit seiner eleganten, ihn am Ende des Abends nachgerade anbetenden Fricka, Katarzyna Kuncio, posiert er fast wie Wagner mit seiner Cosima.

Hilsdorf operiert mit der vertrauten, aber frischgebliebenen kapitalismusskeptischen Lesart und füllt sie mit Leben. Die Riesen, Thorsten Grümbel als Fasolt und Lukasz Konieczny als Fafner, sind schmucke Zimmermannsleute. Alberich, Stefan Heidemann mit seinerseits Wotan-würdigem Bariton, ist ein dezent heruntergekommener und dann wieder aufsteigender Bürger (weniger dezent schlägt ihm Wotan nachher gleich die ganze Hand ab). Die Nibelungen bekommen einen spektakulären Auftritt, indem sie zur Verwandlungsmusik auf dem Weg nach Nibelheim mit Loren durch die Holzvertäfelung des Salons brechen. Das technisch verstärkte Getöse ist ungeheuer, der Einbruch des Bergbaus in eine Sphäre, in der prinzipiell nicht gearbeitet wird. Das gehört aber auch zu einem gutgelaunten Spektakel, denn ebenso donnert eine Drachenpranke durch das virtuelle Dach, wenn Alberich den Tarnhelm vorführt.

Nicht zu sehen ist dafür die Burg von Walhall – das lässt sich noch als Interpretation bezeichnen, vielleicht existiert gar kein Neubau –, nicht mehr zu sehen sind manchmal außerdem Figuren, die Hilsdorf sang- und klanglos abgehen lässt. Man glaubt sofort, dass Hilsdorf Schwierigkeiten damit hat, Wagner übermäßig ernst zu nehmen. Seinem „Rheingold“ bekommt das im Prinzip gut. Es wäre vermutlich ein fantastischer Abend geworden, wenn Hilsdorf sein eigenes Konzept ernster genommen hätte. Manchmal ist das Ergebnis hemdsärmelig. Das würde man über Kobers straffes Dirigat nicht sagen, auch nicht über die solide Ensembleleistung.

Unklar bleibt vorerst, wie Hilsdorf damit in der „Walküre“, einem Werk anderer Art, fortfahren will. Einem Werk zudem, das Loge zum Statisten und Zündhölzanreicher degradiert. Ende Januar wird es sich in Düsseldorf zeigen, im Mai dann in Duisburg.

 

Oper am Rhein, Duisburg: 9., 24. November, 3., 16., 21. Dezember.
www.operamrhein.de

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