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Cornelia Niemann Die Schönheiten Krakaus

Cornelia Niemanns Stück „Möchten Sie Ihren Vater wirklich in den Papierkorb verschieben?“

Cornelia Niemann
Cornelia Niemann auf Spurensuche. Foto: Alexander Paul Englert

Eine Geschichte, so spannend erzählt wie ein Krimi. Lange Zeit hat die Frankfurter Schauspielerin und Kabarettistin Cornelia Niemann einen Koffer mit Liebesbriefen ihrer Eltern in ihrem Keller liegen gehabt. Nun hat sie mithilfe des Internets die Geschichte ihres Vaters im Zweiten Weltkrieg recherchiert, den sie nie kennengelernt hatte. Davon erzählt sie in ihrem Stück „Möchten Sie Ihren Vater wirklich in den Papierkorb verschieben?“, das im Theaterhaus Premiere hatte.

Ein ausladender Wohnstubentisch randvoll mit Büchern und Aktenordnern sowie einem Laptop, drumherum viel zerknülltes Papier – dieses Stück ist extrem materialreich, die Erzählung wechselt zwischen verschiedenen Ebenen, dabei ist sie glasklar strukturiert. Zu Beginn kommentiert Niemann als Off-Sprecherin Videobilder aus dem heutigen Krakau und preist die Schönheiten der von Kriegszerstörung weitgehend verschonten Stadt.

Die Marienkirche besuchte Niemanns Vater als erstes, kaum dass er in Krakau ankam, wo der Rechtshistoriker während des Kriegs am „Institut für Deutsche Ostarbeit“ arbeitete. Dieses Institut stand im Dienst der Besatzungspolitik, es betrieb ,,Rassenforschung“. Die Briefe des Vaters künden gleichfalls von den Attraktionen Krakaus und von einer ganz banalen Normalität – derweil im nicht weit entfernten Auschwitz fabrikmäßig Menschen, vorwiegend Juden umgebracht wurden. Erwähnt wird eine Begegnung mit „Frank“, dem obersten Chef; er habe die Bewilligung von Papier für ein Buch in Aussicht gestellt, das Niemanns Vater zu veröffentlichen beabsichtigte.

Es handelte sich um Hans Frank, Hitlers Generalgouverneur in Polen. Dessen Sohn Niklas hat sich in dem 1987 erschienenen Buch „Der Vater. Eine Abrechnung“ mit den Bluttaten seines später bei den Nürnberger Prozessen zum Tod verurteilten Vaters auseinandergesetzt. Für die ausgewählten Passagen verwandelt sich Cornelia Niemann den sarkastischen Ton des Sohnes an. Vom Weitertragen der Erinnerung an die junge Generation künden anrisshafte Videoaufnahmen von einem von Niemann geleiteten Projekt mit Schülerinnen und Schülern des Riedberg-Gymnasiums um das Theaterstück „Der Koffer“ von Malgorzata Sikorska-Miszczuk, das von dem polnischen Jungen Jako handelt, dessen Vater in Auschwitz ermordet wurde. Dem Augenschein nach war Niemanns Vater zum Mindesten ein Mitläufer, mehr noch: Er war in das Herrschaftssystem der Nazis verwickelt. Dann – die ungeahnte Wende. Von seinem Einsatz als Soldat in Italien aus lief er zu den Partisanen über. Nach Deutschland wollte er nach dem Krieg nicht zurückkehren. Er sprach davon, seine Frau und die beiden Töchter nach England zu holen, wo er inzwischen lebte, doch dann wehrte er irgendwann ab. Die Motive bleiben unklar.

Es ist ein faszinierend vielschichtiger Theaterabend von siebzig Minuten, der unter der Regie von Sabine Loew entstanden ist. Martin Lejeune an E-Gitarre und elektronischem Instrumentarium steuert eine im besten Sinne filmmusikalische improvisatorische Musik bei – Ry Cooder trifft Ambient, hinzu kommt ein perkussiv-rhythmischer Kick.

In seiner triftig durchdacht collagierten Form ist das ein unbedingt sehenswertes Juwelstück des dokumentarischen Theaters.

Theaterhaus Frankfurt : 31. Januar. www.theaterhaus-frankfurt.de

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