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„Clavigo“ in Wiesbaden In Dubai Karriere machen

Und wenn Clavigo nun ein Deutschtürke wäre, der im Emirat mit einer fabelhaft erfolgreichen Online-Magazin durchstarten könnte? Eine modische, tüchtig alberne, aber auch gewitzte „Clavigo“-Bearbeitung am Staatstheater Wiesbaden.

Clavigo und seine Marie, schon wieder ganz obenauf: Christian Erdt und Barbara Dussler am Staatstheater Wiesbaden. Foto: Lena Obst

Es ist im Grunde albern und auch oberflächlich, konstruiert, nachlässig in der logischen Durchführung. Aber warum ist es trotzdem ganz schön gewitzt?

Hier unsere Vermutung: Erstens, weil Christian Erdt ein wirklich überzeugender Clavigo ist, ein gescheites Windei, ein heiterer Intellektueller, nicht zuletzt auch ein angenehmer junger Mann, der selbst doch fast immer glaubt, was er gerade sagt, und der auch andere leicht glauben macht, dass er es glaubt. So dass also etwas dran sein muss am gerade Gesagten. Und, ja, ein Schwächling und ein Anpasser ist er auch. Der junge Goethe ging ins Gericht mit beruflich schreibenden Menschen.

Und zweitens, weil die Grundidee von Oliver Kontny und Regisseur Hakan Savas Mican nicht unpfiffig ist und im Theater auch noch nicht überstrapaziert. Nicht mehr Europa oder die USA sind hier die Orte, wo tollkühne Karrieren möglich sind, sondern die Emirate. Von Dubai aus hat der kleine Deutschtürke Clavigo (mit einem Abschluss aus Frankfurt, er kann es selbst kaum glauben) ein unheimlich erfolgreiches Online-Magazin gestartet. Da wüsste man zwar gerne mal, was das für ein Online-Magazin sein soll, mit dem man als Journalist reich und berühmt werden kann, aber jetzt ist Clavigo jedenfalls sogar Medienberater des Scheichs.

Seine Marie, die vom Liebesschmerz nur mühsam am Boden gehaltene, an sich höchst fidele Barbara Dussler, hat es in Dubai als Deutsche schwerer (Frau, Christin). Clavigo hat sie wie bei Goethe gemein sitzengelassen, dennoch nimmt sie ihn zurück. Ihr eigens aus Deutschland angereister Bruder tobt, Felix Mühlen macht das als feuriger Rächer in goethezeitischer Manier.

Kichern, wenn auch nicht geistreich

In der Tat gehen die Aktualisierungsversuche zum Teil gar nicht auf. Schnell, wenn auch nicht gerade geistreich wird man dennoch kichern beim Medienkommunikations-Sprech zwischen dem Goethe-Text. Erzwungene Selbstbezichtigungen werden digital notiert (auf der Bühne lustigerweise doch wieder analog). Auch Marie hat Erfolg als Journalistin, Clavigo betreibt sogar Artikelklau bei ihr. Ist es zu glauben, dass ihre energische Schwester (Kruna Savic) den Bruder kommen lässt, weil sich die Frauen keinen Rat wissen? Kontnys und Micans Lesart – ganz Studiobühnen-Inszenierung trotz der Heimstatt im Kleinen Haus – bleibt aber auch gezielt leichtherzig (glücklicherweise nicht halbherzig).

Auf Sylvia Riegers schlichter Bühne mit luftigen weißen Vorhängen als Begrenzung der Spiegelspielfläche bewegen sie die Figuren in Miriam Martos modernem Puderperücken-Reifrock-Look puppenhaft exaltiert. Die verratene Liebe ist ein Riesenärger, aber nichts, was den Menschen umbringt. Insgeheim weiß der Zuschauer, dass das nicht stimmt und nicht nur in Goethes Trauerspiel anders endet. Hier hingegen könnten sich Marie und Clavigo sogar Jahre später in Deutschland wiedertreffen. Vielleicht wird’s noch was.

Ja, albern und auch oberflächlich, konstruiert, nachlässig in der logischen Durchführung ist es trotzdem. Schulklassen haben hinterher was zu besprechen.

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