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Christa Wolf am Staatstheater Wiesbaden Verwischende Worte

„Kassandra.Sehen“, eine sprachmächtige Inszenierung von Christa Wolfs Erzählung in Wiesbaden

Es ist ein Abend der Worte. Der gesagten und ungesagten, der geschriebenen und aus dem Körper herausbrechenden, ein Abend der mahnenden, flehenden Sprache, die doch niemand zu vernehmen und verstehen vermag.

Es sind zwei Studentinnen, die diesen sprachmächtigen Abend im Studio des Wiesbadener Staatstheaters verantworten, eine Koproduktion mit der Hessischen Theaterakademie. Regisseurin Ksenia Ravvina und Dramaturgin Larissa Bischoff haben, unterstützt von der erfahrenen Dramaturgin Dagmar Borrmann, ein gut einstündiges Destillat aus Christa Wolfs „Kassandra“-Erzählung herausgeholt. „Kassandra.Sehen“, dargestellt von drei ebenfalls jungen Schauspielern und einem Tänzer, überzeugt mit dramaturgischer Stringenz, die gleichwohl die Schwere des Stoffes mit zartem Humor aufzulockern weiß. Da wird der Troja-Mythos zum munteren Assoziationsspiel zwischen den Darstellern, die sich den goldenen Zankapfel der griechischen Gottheiten zuwerfen, und die Biografie Kassandras zum Familienstandbild mit wechselnden Rollen.

Eine minimalistische Ausstattung, karge Stühle, im schwarzen Bühnenraum, verstärkt den Fokus aufs Sprachliche, von den Schauspielern umgesetzt mit verbaler wie physischer Wucht. Die Leerstellen der Sprache füllt Tänzer Andrea Schuler mit raumgreifenden Bewegungen.

Rufe verhallen im Raum

Franziska Werner spielt die Königstochter und Seherin, die den Untergang Trojas heraufziehen sieht und doch nicht verhindern kann, mit feinsten Nuancen. Mal wirft ihre Sprache sie zu Boden, wo ihr Körper sich scheinbar knochenlos auf die schwarzen Planken krümmt und doch trotzig aufbäumt. Dann wieder verhallen ihre hervorgestoßenen Rufe im leeren Raum, zurückgeworfen von einem Stabmikrofon, das sich – über ihr hängend – langsam entfernt.

Kassandras Worte verteilen sich auch auf Werners Mit-Darsteller Rajko Geith und Benjamin Kiesewetter, die der Ungehörten ein Gegenüber bieten und im Echo der Worte doch nur den Schmerz des Nichtverstandenwerdens verstärken. Selbst in Kreide auf Wand und Stühle geschrieben, bleiben die Worte unerhört, verwischen in der Wiederholung zu unlesbarem Weiß.

Am Ende wird die Sprache nur mehr ein flatterndes Lid sein, ein Augenrollen, das Wörter in die Luft schreibt, die niemand vernimmt.

Staatstheater Wiesbaden, Studio: 20. Januar, 20. Februar. www.staatstheater-wiesbaden.de

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