Lade Inhalte...

„Carmen“ in Darmstadt Das Don-Quixote-Syndrom

Georges Bizets „Carmen“ ist am Staatstheater Darmstadt unter der Leitung von Will Humburg musikalisch im Ausnahmezustand. Szenisch führt Regisseurin Sandra Leupold unterdessen einen Kampf gegen Windmühlenflügel.

05.06.2016 17:37
Bernhard Uske
Wie du und ich: Carmen mit Freundinnen und Schmugglern in Darmstadt. Foto: Martina Pipprich

Die Meta-Ebene auf dem Theater – das ist oft ein mühsames Geschäft, denn eine konzeptionelle Idee ist schnell entwickelt, deren dreistündige Umsetzung allerdings auch schnell eine Qual.

Der Gedanke, den Sandra Leupold für ihre Neu-Inszenierung von George Bizets Oper „Carmen“ hatte, war, nicht das Stück unmittelbar zu inszenieren, sondern es als eine Art Probensituation zu präsentieren.

Das Image der Offenheit, des Werkstattcharakters als kommunizierende Oberfläche nutzend: „Carmen“ ungeschminkt gewissermaßen auf der nackten Bühne des Staatstheaters Darmstadt. Eine arme Ästhetik mit viel alltäglicher Attitüde im Auf- und Abtritt und im Umgang mit banalen Vertreter-Objekten, etwa wenn Carmen einen Teller zerschlägt, um mit zwei Scherben die Kastagnetten im Duett und Tanz mit Don José zu ersetzen.

Das immer durchscheinende Moment von „Alle wie du und ich und alles wie bei uns“ war wohl mit der Hoffnung verbunden, etwas Neues oder gar bisher Unterschlagenes an diesem Dauerbrenner der Publikumsgunst zu offenbaren. Ein Don-Quixote-Verhalten, wo Regie lediglich gegen ihre eigenen Klischees ins Feld zieht: Der Opernbesucher kenne ja nur die flammende Zigeunerin in Öl an der Wand und Spanien nur als Habanera-Idyll.

Jedenfalls konnte die Inszenierung außer ihrer eigenen Befangenheit nichts bieten, was man als profilierendes, gar steigerndes Element in der Präsenz der Heldin des erotomanen Übermenschen nicht bereits bestens kennt.

Auf die Handhabung von Stimmbändern und Instrumenten allerdings hatte das Regie-Konzept keine Auswirkungen. In den Kernbereich dieser Oper des Triumphs erotischer Unbedingtheit und Unversöhnlichkeit sollte die Veralltäglichung denn doch nicht gehen, was sehr gut war. Das, was nicht nur ein Friedrich Nietzsche an Bizets Musik so schätzte – ihre Schweißfreiheit und luzide Behändigkeit – das konnte so in unverstellter Deutlichkeit ans Ohr des Zuhörers gelangen.

Es lohnte sich, die Augen zu schließen

Der hatte sich irgendwann nur zu entscheiden, ob er um den Preis einer faden Gesamtwahrnehmung dem wenig aufregenden Bühnengeschehen folgen wollte. Oder die Augen schließen, um sich ganz der Musik widmen zu können. Was sich lohnte, denn das Staatsorchester Darmstadt und der Opernchor und Extrachor (Einstudierung: Thomas Eitler-de Lint und Ines Kaun) musizierten unter der Leitung von Will Humburg ganz vorzüglich.

Nicht reißerisch, aber straff in den vielen rhythmisierten Dauerbrennern; die lyrische Atmosphäre der „Hits“, die über die „Carmen-Suiten“ zum ästhetischen Volksvermögen geworden sind, mit dezenten Bögen formend, die veristisch-expressiven Passagen intensiv ausspielend – das alles war nicht nur erstklassig realisiert sondern auch in jedem Moment durchartikuliert. Hier also herrschte Ausnahmezustand, der denn auch vom Publikum zuletzt reichlich beklatscht wurde.

Tamara Gura ist eine sehr jugendlich wirkende und physiognomisch fast klischeehaft treffende Verkörperung der Titelfigur. Der Gestus unbeherrschten, unmittelbar affektiv losgehenden Zugriffs auf sich selbst und andere steht ihr gut. Stimmlich erlebte man ein schönes Mittelregister und unverzerrte Höhen. Gegenüber dem „Carmen“-Appeal war die Kontrahentin Michaëla als zahmes Element vergesellschafteter Begehrlichkeit geformt. Dank Susanne Serfling aber nachdrücklich auch in der gesanglichen Leistung.

Die Männer, ganz gewohnt: Paradierende Flachköpfe, und der Exponent im erotomanen Circus Carmen, Don José, nur als entweder um Liebe winselnde Memme oder gleich draufschlagender Macho entstellt. Mickael Spadaccini hat einen reich timbrierten Tenor und ist auch vom Aussehen her ebenbürtiger Carmen-Partner. Stimmlich exzellent auch Jana Baumeister (Frasquita) und Amira Elmadfa (Mercédès).

Dem Alltags-Passepartout des Ganzen entsprach das Verhalten des Publikums: Nach einmaligem Ausbuhen des Inszenierungsteams machte man sich sofort auf den Nachhauseweg.

Staatstheater Darmstadt: 9., 15. Juni, 15. Juli. www.staatstheater-darmstadt.de

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen