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Calixto Bieito im FR-Interview Das beste Theater der Welt

Der katalanische Regisseur Calixto Bieito macht Liebeserklärungen: An Schiller, an Deutschland, an nackte Menschen und vor allem an die Freiheit.

16.06.2009 15:06
Calixto Bieito wurde als Skandalregisseur berühmt. Foto: dpa

Calixto Bieito schwankt zwischen Erschöpfung und dem Gefühl, die ganze Welt umarmen zu können. Er kommt von der Beleuchtungsprobe, es ist spät. Wenn er mit einem Blick, der so freundlich ist, dass man ihn lieb nennen möchte, vor einem sitzt, fragt man sich, wie dieser Mann als Skandalregisseur berühmt werden konnte. Es geht eine Art Seligkeit von ihm aus, die er offenbar mit der gesamten Welt teilen möchte.

Alles in Ordnung?

Ja, ich fühle mich gut, ein bisschen müde, aber gut.

Ich nehme an, dass Interviews über Sex, Gewalt und Skandale Sie mittlerweile langweilen?

Nein, ich werde dazu natürlich immer gefragt, aber so ist das Leben. Nein, es langweilt mich nicht.

Worüber sprechen Sie denn am liebsten?

Über Schriftsteller. Wenn ich nach Frankfurt komme, gehe ich immer an das Grab von Schopenhauer und verbringe dort etwas Zeit.

Man hört, dass Sie ein großer Schopenhauerbewunderer sind.

Ja, aber ich mag auch einfach den Platz, ein sehr ruhiger Ort. Ich liebe es, dort zu sein, nicht nur um an Schopenhauer zu denken. Ich setze mich hin, manchmal regnet es, aber ich sitze sehr gern dort. Es macht mich glücklich, ich weiß nicht warum. Es ist ein Friedhof, aber er macht mich glücklich.

Lassen Sie uns über Schiller sprechen, ein vollkommen anderer Schriftsteller als Schopenhauer. Was ist Ihre Beziehung zu Schiller? Was hat Sie veranlasst, für Ihre zweite Schauspielproduktion in Deutschland "Don Karlos" zu wählen?

Ich habe die Oper in Basel gemacht. Aber Stück und Oper sind sehr unterschiedlich. In Schillers Drama mag ich die Mischung aus Deutschem und Spanischem. Ich bin mit der Epoche, in der das Stück spielt, Ende des 16. Jahrhunderts, die Zeit Philipps II., sehr vertraut. Gleichzeitig liebe ich den deutschen Idealismus - und das zusammen in einem Stück, das ist unwiderstehlich.

Und was ist Ihre Absicht mit dieser Mixtur?

Schiller ist so voller Leidenschaft. Gleichzeitig wollte er vollkommen frei sein. Darum geht es mir: Gefängnis und Freiheit. Das Gefängnis kann der Staat, die Familie, die Kirche sein, alle Institutionen, die einen unfrei machen. Schiller hat das alles zurückgewiesen. Da ergeben sich Verbindungen zum katalanischen Anarchismus, der eine lange Tradition hat. Das ist eine Art Utopie für mich. In den 1930er Jahren gab es in Katalonien eine wunderbare Zeit, nicht dass die Inszenierung davon handeln würde, aber davon bin ich vollkommen fasziniert.

Dann müsste der Marquis von Posa aus dem "Karlos" für Sie eine echte Identifikationsfigur sein.

Er ist tot. Der Marquis de Posa ist tot.

Sie meinen, dass es heute keinen Posa mehr gibt?

Nein, wir haben Versprechungen, Verheißungen, aber wir haben keinen Posa mehr. Es gibt Posa nicht mehr.

(Langes Schweigen.)

Rüdiger Safranski hat in seiner Schiller-Biografie sinngemäß geschrieben, dass Schiller gleichzeitig Posa erfunden und die Guillotine als Ergebnis der Französischen Revolution gesehen hat. Posa hat die Guillotine vorbereitet. Seine Art Idealismus war die Katastrophe. Die Ideen Posas sind sicher sehr schön, sie sind noch lebendig - gib mir meine Freiheit zum Denken und zum Fliegen -, aber ich glaube nicht, dass wir daran arbeiten, diese Freiheit zu verwirklichen. Wir arbeiten am Gegenteil.

Sie denken, die Welt wäre ein besserer Platz, wenn Posa in ihr leben könnte?

Selbstverständlich. Ich bin sehr romantisch und glaube, wir haben vor vielen Jahren Posa getötet.

Wir leben in einer Welt von Philipps, kalten Technokraten?

Ja.

Bewundern Sie Philipp?

Nein! Er sagt einen berühmten spanischen Satz, den ich hasse: Denke schlecht über jeden, und du wirst Recht haben. Ich habe mich mit seinem Leben an der Uni beschäftigt. Ich kann keine Bewunderung für solche Typen haben, die radikal sind und so viele Menschen auf dem Gewissen haben.

Philipp hat die Kraft, Dinge zu tun, von denen er weiß, dass sie nicht gut sind, von denen er aber glaubt, dass sie getan werden müssen. Dafür kann man ihn bewundern.

Aber er tut schreckliche Dinge. Die neuere spanische Geschichtsschreibung geht inzwischen davon aus, dass sein Sohn Carlos vom Staat, das heißt von ihm ermordet wurde. Ich glaube nicht, dass Carlos ein Held ist, genauso sicher ist aber auch, dass ich die Monarchie nicht mag.

Vor ein paar Jahren wollten Sie Verdis "Don Carlo" in Mannheim aufführen und haben es dann sehr schnell gelassen. Was war das Problem?

Wollen Sie die Wahrheit hören?

Sagen Sie die Wahrheit und wir sehen dann, ob wir sie veröffentlichen wollen.

Nein, nein, ich habe keine Angst, es ist ja etliche Jahre her. Ich habe damals kein Wort dazu gesagt, für meine Arbeit kein Geld verlangt, ich habe nur mein Ticket gekauft und bin sofort nach Barcelona geflogen. Nun: Es gab damals zwei oder drei Sänger, die die Arbeit komplett verweigert haben.

Wissen Sie warum?

Nein. Aber die Atmosphäre war vom ersten Moment an schrecklich. Und ich möchte meine Arbeit nicht in einer solchen Atmosphäre machen. Es ist nur Oper, nur Theater, nur ein Spiel. Ich brauche wirklich keine Blumen, ich kann mich mit unterschiedlichen Ideen und Vorstellungen auseinandersetzen, aber nicht mit Vorurteilen. Ich kann vollkommen tolerant sein, ich kann diskutieren, ich kann wirklich unterschiedliche Vorstellungen akzeptieren. Aber ich kann nicht in vergifteter Atmosphäre arbeiten.

Ist es schwierig, die Schauspieler oder Sänger davon zu überzeugen, dass sie zum Beispiel nackt sein müssen?

Nein, sie fragen mich manchmal danach. Sie können sich das nicht vorstellen! Manchmal ist es meine Idee, manchmal die der Schauspieler. Manchmal muss ich sagen, nein, ich brauche das jetzt nicht. Warum bist du nackt? Es ist an dieser Stelle des Stücks nicht notwendig.

Denkt man, dass Sie das erwarten?

Nein, die Schauspieler wollen ... (er atmet tief die Luft ein) machen, sie wollen aus sich herausgehen. Sie denken: das ist ein Regisseur, bei dem ich frei sein kann, und das bin ich jetzt.

Was mögen Sie an Nacktheit?

Zwei Bekenntnisse: Meine ersten erotischen Phantasien hatte ich mit Rubens. Mein Vater, ein Arbeiter und Büchernarr, schenkte mir ein Buch, in dem der "Raub der Sabinerinnen" abgebildet war. Das andere Bekenntnis: Ich liebe nackte Menschen. Es ist so schön, Menschen anzusehen. Es ist wie malen, wunderbar. Das ist wirklich ganz naiv von meiner Seite. Manchmal nicht, das hängt vom Stück ab. Und ich mache nur Stücke, die ich liebe. Stücke, die ich hasse, könnte ich nie aufführen. Wenn Sie wollten, dass ich Rossini mache, würde ich sagen: Nein.

Ich mag Rossini.

Ich liebe ihn, aber nur zu Hause, vom CD-Spieler.

Wie nähern Sie sich Stücken?

Erst sehr akademisch. Ich lese Bücher. Dann frage ich mich, was das für uns heute bedeutet.

Hört sich traditionell an.

Es ist wunderbar. Ich interpretiere, nicht anders als Picasso, wenn er sich mit Velasquez' "Meniñas" beschäftigt. Der "Don Karlos" etwa wird voller Surrealismus sein. Manchmal öffne ich meinen Geist und dann ist da Buñuel. Ich liebe es, das zu tun, ich liebe Schiller, ich liebe den Surrealismus, ich liebe Spanien und ich liebe auch Deutschland.

Sie scheinen Deutschland wirklich sehr zu mögen.

Ich liebe es. Es hängt mit meinem besten Lehrer zusammen - es ist der Übersetzer des "Karlos", den wir hier aufführen. Ich habe so viele Bücher aus der deutschen Kultur gelesen. Ich habe nie Deutsch oder deutsche Kultur studiert, aber ich liebe dieses Land, es ist zivil und bewundert das Theater. Ich bin wirklich voller Respekt für dieses Land, seine Geschichte und Kultur. Auch das ist ein Bekenntnis, das ich öffentlich noch nie gemacht habe. Sie haben hier das beste Theatersystem der Welt.

Das ist sehr schön zu hören.

Glauben Sie mir, ich habe in Dublin, London, Mailand, Oslo, Amsterdam, Paris und wer weiß wo gearbeitet, ich habe den Vergleich.

Was macht das System so gut?

Dass jede Stadt ihr Theater und ihre Oper hat. Es ist, als sei das Theater in der DNA der Deutschen. Ich glaube, die Deutschen sollten das mehr wertschätzen! Ich habe heute einem alten Techniker im Theater zugesehen. Er war wunderbar, ganz mit sich im Reinen. Er wollte genau sein, was er war: ein Theatertechniker. Das war sein Leben. Europa würde sehr viel verlieren, wenn es das nicht mehr gäbe.

Verstehen Sie Menschen, die sich von Ihrer Arbeit nicht nur angeregt, sondern auch abgestoßen fühlen?

Inzwischen verstehe ich es besser, aber am Anfang war es sehr fremd für mich. Ich dachte immer: Sie wollen andere Sachen sehen, okay, aber das können sie doch.

Mögen Sie Skandale?

Nein, ich verabscheue sie.

Manchmal können Skandale eine Öffnung bewirken.

Ja, mittlerweile ist mir bewusst geworden, dass ich einigen Theatern zu einer Öffnung verholfen habe mit meinen Arbeiten. Aber darum ging es mir nicht. Ich habe einfach das gemacht, was mir nahe war.

Ist Ihre Arbeit von Barcelona inspiriert?

Ja, ich bin eine Mischung aus Kastilien und Katalonien: Goya, Valle-Inclán, Buñuel, Dalí. Das steckt in mir drin. Und die Stadt inspiriert mich, sie ist so voller Talent. Aber ich bin eine spanische Mischung: Die Jesuiten, bei denen ich erzogen wurde, haben mir einerseits die Welt von Buñuel eröffnet, ich habe dort alle seine Filme gesehen, andererseits haben sie mich geschlagen und sie haben versucht, mich sexuell zu missbrauchen.

Das war damals normal, ich war längst nicht der einzige. Heute ist es dauernd als Skandal in den Zeitungen, damals war es normal. Es ist die katholische Welt: Wir waren alle Sünder und das macht einen sexuell attraktiver. Sie haben es nicht geschafft, weil ich abgehauen bin. Ich erinnere mich an mich selbst als rennendes Kind. Und gleichzeitig haben sie mir die Möglichkeit gegeben, alle diese Filme zu sehen. Das ist die Welt, aus der ich komme. Es ist gut so und es ist ein Gefängnis. Man kann daraus nicht ausbrechen.

Würden Sie das wollen?

Manchmal wäre ich gerne ... (er bläst Luft durch die Zähne). Wir leben in kleinen Gefängnissen und manchmal möchten wir ... (er haucht), wir möchten atmen. Manchmal habe ich für Momente das Gefühl, dass alles in meinem Geist ist. Das ist es: Öffne deine Arme, deine Brust, lass die Luft rein, lass jede Kultur rein, lass alles rein. Damit habe ich die gesamte Zeit zu kämpfen.

Interview: Peter Michalzik

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