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„Cabaret“ in Darmstadt In weiter Ferne, so nah

Das Staatstheater Darmstadt lässt das Musical „Cabaret“ als sorgfältig inszenierten Spuk vorüberwehen.

Frech zu sein, ist noch kein Widerstand: Der Conférencier und die Luder vom Kit-Kat-Club, die sich auf die neue Situation einstellen werden.

Unausgelaugt und aktuell – Augen auf bei der politischen Parteinahme – wirkt die „Cabaret“-Produktion am Staatstheater Darmstadt. Das macht die Musik von John Kander, die Michael Nündel mit dem Staatsorchester auf ihre Abgründigkeit und Kurt-Weill-Haftigkeit prüft und einiger harmloser Schlager zum Trotz tief ausloten kann. Das macht aber auch die Inszenierung von Nicole Claudia Weber, die Buhei und Geschichte elegant verbindet.

Die Ausstattung von Friedrich Eggert ist perfekt dafür. Vorerst setzt sie bloß das akustikfreundliche Design der schwarzen Zuschauerraumwände auf der Bühne fort. Dann ein Trommelwirbel. Zum Auftritt des Conférenciers (Michael Pegher, eine blasiert gewalttätige Kanaille) öffnet sich die Rückwand. Aus der Tiefe des Raums – das kann nur ein wirklich großes Großes Haus, kein Tourneetheaterlein – fährt eine Fernband heran. Sie ist in einer der Nischen eines Drehbühnenaufbaus platziert, der hinfort zügig vom Kit-Kat-Club ins Bradshawsche Zimmer führen kann und so weiter.

Wenn man das so einfach und schön sieht, ist es kaum zu glauben, wie umständlich viele Bühnen den Regisseuren und Akteuren im Weg stehen. Eine Zusammenstellung aus Opernchor und Musical-Spezialisten bewegt sich hier nun ganz wie daheim, grell die Kostüme, gemütlich die Zoten, hemmungslos der gleichwohl jugendfreie Sex.

Deutlich ohne Hakenkreuze

Im Getümmel finden sich etliche wiedererkennbare Typen, der allgemeine Schwung ist glaubhaft und unpeinlich (Choreographie: Christopher Tölle). Handverlesen die Solisten, darunter Dorothea Maria Müller als die berühmte Sally Bowles (vernünftigerweise weit entfernt von der unschlagbaren Liza Minnelli im unschlagbaren Film) und Markus Schneider als höflicher Amerikaner Bradshaw.

Den Einbruch des Nationalsozialismus in das quietschvergnügte Berlin – damals wohl tatsächlich arm, aber sexy – demonstriert Weber fast ausschließlich über die Musik. Und wahrlich: Der verführerisch stupide Song „Der morgige Tag ist mein“ braucht keine Hakenkreuzfahnen, damit der halbwegs informierte Zuschauer merkt, was die Stunde geschlagen hat. Die anderen merken es nicht, aber das ist ja auch in der Geschichte das Problem, der Geschichte von „Cabaret“ und von Deutschland. Fidel probieren die Damen des Kit-Kat-Clubs, keinem Hort ernsthafter Subversion, den Stechschritt aus.

Genialisch lässt Weber die Drehbühne am Ende wieder zurückfahren. Die Rückwand schließt sich wieder, als wäre nichts gewesen. Trommelwirbel. Ein Spuk bloß, aber was für einer.

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