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Burgtheater Wien Intendant Hartmann am Pranger

Schlechtes Klima: Ehemalige Mitarbeiter des Burgtheaters in Wien greifen Ex-Intendant Hartmann an.

Hartmann
Matthias Hartmann 2011 in Wien. Foto: rtr

Seit dem Wochenende kursiert in vielen Medien ein Offener Brief, in dem 60 teilweise ehemalige Mitarbeiter des Burgtheaters, darunter auch viele Schauspieler, ihre „Überlegungen zum Thema Gleichstellung, sexuelle Belästigung, Nötigung, Grenzüberschreitungen und Machtmissbrauch in Arbeitsverhältnissen“ mitteilen. Es gehe nicht darum, ihren ehemaligen Intendanten Matthias Hartmann als Einzelfall hinzustellen. Wirklich nicht? Sein Name ist jedenfalls der einzige, der genannt wird. Er soll offenbar exemplarisch für den Missbrauch von überkommenen Machtstrukturen im Theater verstanden werden. Er sei während seiner Amtszeit (von 2009 bis 14) verantwortlich für eine vergiftete Atmosphäre der Angst und der Erniedrigung gewesen.

Die Vorwürfe sind größtenteils nicht strafrechtlich relevant, aber geeignet, eine Vorstellung von dem Klima an dem größten deutschsprachigen Schauspieltheater zu vermitteln. Hartmann selbst spricht von Witzen. Zum Beispiel: Ob es nicht einer kalorienbewussten Ernährung widerspreche, wenn man beim Oralsex das Sperma schlucke. Das fragte er Schauspielerinnen auf einer Probe. Achtung! Alle laut lachen! Der König scherzet! Es habe auch Hinternklopfer gegeben, rassistische und homophobe Sprüche, cholerische Ausraster. Wer nicht dabei war, kann das nicht kommentieren, weil er die Situation nicht kennt. Die Verletzungen scheinen aber so stark zu sein, dass die Betroffenen sich nun auf diese Weise Luft verschaffen und in Kauf nehmen, als Denunzianten denunziert zu werden.

Damals hätten sie es nicht gewagt, sich zu wehren, weil Hartmann wie jeder deutsche Stadttheaterintendant berechtigt ist, die Verträge auslaufen zu lassen, ohne nachprüfbare Gründe nennen zu müssen. Sonst wäre er in seiner künstlerischen Freiheit beschränkt.

Die Absender nehmen sich in ihrer kritischen Analyse selbst nicht aus. Es sei „erschreckend und beschämend, dass wir … durch Rückzug auf die eigene Arbeit, durch Passivität oder durch Wegducken mit dazu beigetragen haben, dass sich dieses Klima verfestigen und ausbreiten konnte.“ Auch machen sie klar, dass es sich bei Hartmann nicht um einen weiteren Fall Wedel oder Weinstein handele, denen Sexualstraftaten vorgeworfen werden.

Und dennoch stellen sie Hartmann an den Pranger. Sie zeigen ihm und anderen Intendanten, dass deren Macht eben doch angreifbar ist. Sie verwenden ein effektives feudalistisches Mittel in einem feudalistischen System. Und sie plädieren dafür, dieses System zu überprüfen.

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