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Bühne Sehnsucht nach Solidarität

Schauspieler treten kaum in Gewerkschaften ein. Gerechtigkeit wollen sie trotzdem: Bühnenverein und Ensemble-Netzwerk über Macht, Gagen und Spielräume.

Theater
Gemeinsam auf dem Intendanzsofa des Deutschen Theaters: Marc Grandmontagne, Laura Kiehne und Ulrich Khuon (v. l.). Foto: Paulus Ponizak

Die Machtfrage stellen Theater in der Regel jeden Abend. Seit drei Jahren wird sie aber auch intern unablässig diskutiert, denn mit der Gründung des Ensemble-Netzwerks im Jahr 2015 hat sich nicht nur für Schauspieler, die an Stadt- und Staatstheatern oft unter prekären Bedingungen und starkem Druck quasi rund um die Uhr im Einsatz sind, ein Ventil geöffnet. Die MeToo-Bewegung kam hinzu, das Engagement für Frauen in Kultur und Medien – all das hat dazu beigetragen, dass in sehr kurzer Zeit ein großes Problembewusstsein entstanden ist und dass sich die Verhältnisse in der Tat schon zu wandeln beginnen. Zum Interview kommen der Geschäftsführer des Deutschen Bühnenvereins, Marc Grandmontagne, und Laura Kiehne, eine freischaffende Schauspielerin und Dramaturgin, ins Büro des Intendanten des Deutschen Theaters, Ulrich Khuon, der auch Präsident des Bühnenvereins ist. Zwei Arbeitgeber und eine Aktivistin dicht nebeneinander auf dem Sofa. Es gibt viele gemeinsamer Ziele – und gewisse Differenzen.

Herr Khuon und Herr Grandmontagne, herzlichen Glückwunsch zum Verhaltenskodex, den der Bühnenverein bei seiner Jahresversammlung Anfang Juni verabschiedet hat. Das war sicher nicht einfach durchzusetzen.
Marc Grandmontagne: Es hätte schwerer sein können. Aber wir haben das schon stark diskutiert.
Ulrich Khuon: Es war ein langer Weg, und alle waren aufgerufen, sich zu beteiligen. Es gab ein Vorbild, den Kodex des Royal Court Theatre. Aber wir haben bewusst einen eigenen Text geschrieben, der sich über mehrere Bearbeitungsrunden hin zu dem entwickelt hat, was jetzt vorliegt.

Wenn man diesen Text liest, erschrickt man schon etwas. Da heißt es etwa: „Ich unterlasse jede Form von sexueller Belästigung. Ich gehe verantwortungsvoll mit der mir übertragenen Macht um …“ Das klingt, als gäbe es Gründe, dass das jetzt jeder hundert Mal sagen muss.
Ulrich Khuon: Wenn wir geschrieben hätten: Wir begegnen uns auf Augenhöhe und gehen respektvoll miteinander um, hätte es geheißen, dass wir nur Platitüden äußern. Eine solche Selbstverpflichtung heißt nicht, dass vorher Sodom und Gomorrha herrschte. Es heißt nur, dass man klar beschreibt, was man sich wünscht. Und dass man das in den Häusern jetzt thematisiert.
Laura Kiehne: Ich finde gut daran, dass der Text wenig Deutungsspielraum lässt.

Sind Menschen an Theatern stärker verleitet, Macht zu missbrauchen als in anderen Unternehmen?
Kiehne: Durch die enge Zusammenarbeit in künstlerischen Teams können sich Gruppendynamiken ergeben, die starke Machtgefälle aufbauen – die missbraucht werden können. Aber das ist nichts, was dem Theater eignet, sondern was dort vielleicht deswegen häufiger auftritt, weil die ökonomische Unsicherheit der Beteiligten oft groß ist. Wenn ich keine Probengage bekomme, sondern nur für Aufführungen bezahlt werde, ist meine Neigung, durch Widerstand oder Rückzug die Zusammenarbeit vor der Premiere zu riskieren, sehr gering. Jeder Machtmissbrauch hat eine Basis, auf der er entsteht.
Khuon: Auch ich sehe es als gesamtgesellschaftliches Problem. Überall, wo Nähe oder Extremsituationen zum Wesen der Arbeit gehören, ist die Gefahr gesteigert. Es ist kein Zufall, dass die Altenpflege, die Polizei, die Krankenhäuser und die Theater besonders mit dem Thema zu kämpfen haben. Und wenn wir die Freiräume der Kunst schützen wollen, müssen wir daran arbeiten, sie für die Einzelnen trotzdem sicher zu machen. Die Ökonomie spielt dabei eine große Rolle. Auch wenn man die Proben bezahlt bekommt, gibt es genügend Unsicherheiten: werde ich besetzt, wie werde ich besetzt, welche Arbeitsbeziehung wird fortgesetzt etc.

Welche Rolle spielt es, speziell für Frauen, dass es zu ihrem Geschäft gehört, ihren Körper auf der Bühne zur Disposition zu stellen?
Kiehne: Wir Schauspielerinnen und Schauspieler stellen uns immer und nicht nur körperlich zur Disposition, das ist eine komplexe Angelegenheit und muss individuell und sensibel behandelt werden. Umgedreht darf beim Spielen, in der konkreten Arbeit, wiederum keine diffuse Sorge darüber herrschen, ob man seinen Körper in irgendeiner Weise „missverständlich“ einsetzt. Da muss es ausschließlich darum gehen, was mit einer Figur ausgedrückt werden soll.
Khuon: Der Druck, körperlich attraktiv zu sein, lastet in der Tat auf beiden Geschlechtern. In meiner Jugend haben sich junge Männer damit abgefunden, wenn äußere Attraktivität nicht gegeben war. Heute sind Männer so stylish wie Frauen und befassen sich intensiv mit der körperlichen Selbstoptimierung.

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