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Bregenzer Festspiele Im Fegefeuer der Eitelkeiten

Berthold Goldschmidts lange vergessene Oper „Beatrice Cenci“ bei den Bregenzer Festspielen.

Gal James
Titelheldin Beatrice, Gal James. Foto: Karl Forster

Oft scheint es, als suppte das Blut heraus aus dieser Geschichte. Das Blut der Misshandlung und das des Mordes. Doch wenn der Schlag den Bösewicht ereilt, dann ist das bei Berthold Goldschmidt ein sehr lakonischer Moment. Eine kurze Orchestergeste nur, ein tönendes „Das hat er davon“, und schon liegt Francesco Cenci niedergestreckt am Boden. Auch solche Momente, die nicht erwartbaren, jene, die im Orchester der Realhandlung entgegenlaufen und damit zum Kommentar werden, die in ihrer Bizarrerie überhöhen und manchmal auch bewusst überhören, die finden sich in dieser Partitur, um die sich lange Zeit keiner mehr gekümmert hat.

Goldschmidt (1903-1996), Sohn einer jüdischen Hamburger Kaufmannsfamilie, der sich 1935 nach England retten musste, galt als große Hoffnung der Avantgarde. Die oszillierende Süffigkeit eines Franz Schreker trieb er weiter in eine harmonisch komplexe, teilweise atonale Farbigkeit. Die braunen Jahre unterbrachen wie bei vielen anderen Leidensgenossen diesen Weg, Goldschmidt wurde eher als Dirigent wahrgenommen. Seine „Beatrice Cenci“, abgeschlossen 1950, kam erst 1988 in London zur konzertanten Uraufführung.

All das muss betont werden, um den Kraftakt der Bregenzer Festspiele zu verdeutlichen. Wieder also ein Wühlen in den Archiven, eine große Risikolust, wieder eine Ehrenrettung im Festspielhaus. Der (wahre) Stoff aus dem 16. Jahrhundert garantiert für pralles Theater bis zur Hyperemotionalität, ist Gesellschaftsbild und soziale Anklage zugleich.

Beatrice wird 22-jährig mit ihrer Stiefmutter Lucrezia hingerichtet, schuldig befunden der Tötung ihres Vaters Francesco Cenci. Ein autokratischer Widerling, der auch seine Tochter vergewaltigt. Im Kerker reift Beatrice zur emanzipierten Frau, während die Kirche, vertreten durch Kardinal Camillo, Dulderin des ruchlosen Geschehens ist.

Viel Hypertrophes, auch Burleskes hört man aus der Partitur heraus. Regisseur Johannes Erath, Bühnenbildnerin Katrin Connan und Katharina Tasch (Kostüme) missverstehen das zumindest vor der Pause als Aufforderung zur Karikatur. So grotesk ihre Renaissance daherkommt, so übersteigert in ihrer Typenparade, so sehr wird dabei anderes ausgeblendet und überfahren: der intime Moment, das persönliche Leid, die Ausweglosigkeit auf allen Seiten. Eine Inszenierung, die in ihren – zugegeben starken – Bildern die Übeltäter damit auch ein Stück weit entschuldigt. Dabei gäbe es Ansätze zu anderem. Francesco Cenci ist hier kein eindeutiger Bösewicht. Der herausragende Christoph Pohl lässt seine Figur auch stimmlich aufregend schillern. Kein Teufel in der Soutane, sondern ein vokal und im Spiel attraktiver Beau, der mal erotisierender Fiesling, mal Schlagerfuzzi im Glimmersakko sein kann. Sogar die Tochter wirft ihm bewundernde Blicke zu.

Überhaupt macht es Goldschmidt seinen Sängern nicht leicht. Passend zur Geschichte wird den Stimmen ein Spektrum bis zur Hochdramatik abverlangt. Gal James als Beatrice stellt sich unerschrocken der Herausforderung. Stets führt die gefallene Heldin eine Puppe mit sich: Die erzwungene Affäre mit dem Vater hatte offenkundig fatale Folgen. Und im Finale, wenn Goldschmidt seine Oper gar nicht mehr enden lassen will und eine Art Lebensbilanz Beatrices anklebt, hat die israelische Sopranistin noch Kondition, um ihre Stimme auf Lyrisches, Liedhaftes zu dimmen. Auch Dshamilja Kaiser als Lucrezia, Per Bach Nissen als Kardinal und Michael Laurenz als Prälat Orsino glückt die Verbindung von Innerlichkeit und dramatischer Geste. Dirigent Johannes Debus und die Wiener Symphoniker wissen um die Gefahren dieser Musik. So leuchtkräftig und energiereich alles klingt, so spürt man doch auch Kontrolle, Dosierung und große Übersicht. Am Anfang drohen die Sänger unterzugehen, im Laufe des zweieinhalbstündigen Abends wächst aber die Balance.

Auch das Geschehen auf der Bühne verdichtet sich, findet Bilder jenseits der Karikatur. Nach der Pause, eine Pointe, gibt es eine stumme Szene, in der Kardinal und Prälat zum Frühstück „Tosca“ aus dem Grammophon hören. Und irgendwann ist Beatrice dem Fegefeuer der Eitelkeiten entgangen. Ein Zeittunnel ist ihr Gefängnis, in den ihre Widersacher von allen Seiten ihre Köpfe hineinstecken. Auf das „Gerettet!“ wartet diese entfernte Verwandte Gretchens vergeblich.

Regisseur Erath treibt das Stück hier ins Surreale, gerade weil Realismus und feines Psychogramm bei Goldschmidt nicht funktionieren würden. Dafür gibt es in Bregenz schließlich eine größere Spielwiese – für Bizets „Carmen“, die auf der Seebühne erneut zu sehen ist.

 

Bregenzer Festspiele,
Festspielhaus: 30. Juli. www.bregenzerfestspiele.com

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