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Bockenheimer Depot Bilder und Töne von morgen

Eine perfekte Produktion: Die Oper Frankfurt präsentiert Olga Neuwirths Musiktheater „Lost Highway“ nach David Lynch.

"Lost Highway" in Frankfurt: Elizabeth Reiter, Jeff Burrell und das große Spiel. Foto: Monika Rittershaus

Ziemlich spektakulär eröffnete die Frankfurter Oper mit zwei neuen, erst um die Jahrtausendwende entstandenen Stücken ihre Spielzeit. Drei Tage nach den „Drei Schwestern“ von Peter Eötvös im Opernhaus nun also „Lost Highway“ von Olga Neuwirth (als deutsche Erstaufführung) im Bockenheimer Depot. Die österreichische Komponistin, in den 1980er Jahren Wunderkind aus der Retorte Hans-Werner Henzes bei dessen kleinem steirischen Festival in Deutschlandsberg, avancierte schnell zu einer international aktiven Persönlichkeit. Heute ist sie 50 und auch als Autorin von Bühnenwerken namhaft, nicht zuletzt dank ihrer literarischen Nothelferin Elfriede Jelinek. Die Nobelpreisträgerin arbeitete auch entscheidend am Libretto des 2003 in Graz uraufgeführten „Lost Highway“ mit.

Ein Film des amerikanischen Kultregisseurs David Lynch als Opernsujet? Olga Neuwirth hat eine starke, durchaus professionelle Nähe zum Film, und sie adaptierte Lynch nicht nur mit kongenialer Kreativität, sondern auch gleichsam empathisch, so dass die atmosphärische Essenz der Vorlage erhalten blieb, ja gesteigert wurde. Typisch für die großen Lynch-Filme (etwa „Blue Velvet“, „Mulholland Drive“ oder „The Elephant Man“) ist eine beständig zur Wirkung kommende Tonspur, die unter dem speziellen Namen „Soundscape“ bekannt ist. Sie setzt sich aus verstärkten und verfremdeten Umweltgeräuschen zusammen, aber auch einem bis ins Nervige und Bedrohliche getriebenen Grundrauschen, das wie eine Projektion innerer geräuschhafter Körperfunktionen nach außen wirkt – eine Art unwillkürlicher, imaginärer Expressivität. Die Arbeit der Komponistin läuft im Wesentlichen darauf hinaus, diese akustischen Suggestionen aus der relativen Unauffälligkeit einer Ambiente herstellenden Filmmusikkulisse heraus zu „emanzipieren“ und sie zum dramaturgischen Leitfaktor zu machen. Das gelingt Olga Neuwirth auf eine bewundernswerte Weise.

Dabei kommt natürlich keine halbwegs „normale“ Oper mit Arien und Vokalensembles heraus, sondern ein eigentümlicher Hybrid, ein musiktheatralischer Film oder ein filmisch metamorphisiertes, beflügeltes Musiktheater. Das entspricht genau der Welt Lynchs, in der es um die Suspendierung, zumindest die Irritierung von Wirklichkeit und Wahrscheinlichkeit in fiktionalen Erzählungen geht. Um neue Versionen des platonischen Höhlengleichnisses sozusagen, vorgeführt durchaus in trivialmythischem Milieu.

Anders als nur nach dem gewohnten technologischen Fortschrittstrott bricht Virtualität in den Alltag der kalifornischen Normalbürger und Halbgangster ein. Vermeintlich Tote sind gar nicht tot, ein Mann tritt an zwei Orten gleichzeitig auf, eine Frau, aus Fleisch und Blut oder Phantom, führt mehrere Leben zugleich und so weiter. Rätsel, die sich nicht wirklich auflösen. Hyperrealismus und Phantasmagorie in einem – Bilder und Töne von morgen, wenn wir uns zwischen all den neuen virtuellen Relationen nicht mehr auskennen.

Scheinbar zerfällt das anderthalbstündige Stück in zwei Teile. Im ersten erlebt man den Trompeter Fred (markanter Sprecher: Jeff Burrell), konsterniert über unerklärliche Vorgänge in seinem Haus und die mutmaßliche Untreue seiner Frau. Im zweiten gerät der junge Automechaniker Pete (eloquenter hoher Bariton: John Brancy) in den Bann der Halbweltdame Alice, die ihn zu einem Raubmord verleitet. Alice entpuppt sich als Wiedergängerin oder Double von Renée, Freds undurchsichtiger Frau (brillante Doppelrolle: Elizabeth Reiter). Eine pralle Figur ist Petes männlicher Mentor Mr. Eddy (David Moss, auch als ermordeter Dick Laurent), dem Jelinek eine Extra-Szene schrieb, die als einzige von der Vorlage Lynchs abweicht und tatsächlich etwas als (antispießbürgerlich moralisierend eifernder) Fremdkörper anmutet. Moss macht daraus ein Kabinettstückchen, absolviert an anderer Stelle ähnlich virtuos ein mehrminütig „arioses“ Todesröcheln und -keuchen. Dümmlich-bizarr als Popstar im Goldanzug (Kostüme: Doey Lüthi) der Mystery Man von Rupert Enticknap.

Der Regisseur Yuval Sharon eilte umweglos von seiner Bayreuther „Lohengrin“-Inszenierung zur Frankfurter Aufgabe, in der er sich weit mehr zu Hause fühlte. Es entstand eine durchdachte, in jedem Detail überzeugende Aufführung! Klarer hätte man eine scheinbar verzweifelt wirre, zumindest sehr komplexe Story nicht präsentieren können. Die Bühne ist zweigeteilt. Unten zunächst in einem klinisch sauberen, monochrom grünen Raum die angedeuteten Aktionen Freds (assistiert von geisterhaften „grünen Männchen“). Auf der oberen Hälfte der transparent gehaltene „virtuelle“ Bezirk der zwischen irrealisiertem Flimmern realistischen Film- und Videoeinblendungen, auch einigen „echten“ Sänger- und Schauspielerauftritten. In der ersten guten halben Stunde wird fast gar nicht gesungen; der zweite Teil gerät opernhafter, auch mit unaufdringlichen Musikzitaten. Neuwirth organisiert die Musik mit großem dramaturgischen Gespür, baut zwischen den vielen turbulenten Sequenzen auch Inseln der Ruhe und der klangfigürlichen Sparsamkeit ein.

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