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Berliner Volksbühne Schuld ist ja wohl die Wollmilchsau

Ach ja, man muss das Alte nicht lassen, wenn man das Neue tut? Das große Volksbühnen-Versagen der Berliner Kulturpolitik.

Volksbühne
Die im September vergangenen Jahres besetzte Volksbühne. Foto: afp

Jetzt lasst doch mal die Volksbühne stecken!“ verlangte am Wochenende ein Freund genervt. „Worüber man sich da noch streiten kann, verstehen nur Insider. Einer, dem von Anfang an von der Theaterwelt und den Medien nichts zugetraut wurde, ist entlassen worden – jetzt ist es mal gut, oder?“

Nicht ganz. Denn auch wenn es theaterfernen Beobachtern übertrieben erscheinen mag, dass die „Süddeutsche Zeitung“ letzten Freitag in einer doppelseitigen „Dercon-Chronik“ geradezu minutiös und teilweise anhand internen Mail-Verkehrs nachzeichnete, wie es zur Besetzung von Chris Dercon als Nachfolger von Frank Castorf gekommen war und wer wann welche programmatischen Erwartungen geäußert oder zurückgewiesen hat, steckt in diesem Fall kulturpolitisches Dynamit, das dem damals verantwortlichen Politiker schlaflose Nächte bereiten müsste, um es vorsichtig auszudrücken. Aber bislang hat sich Michael Müller, der als Regierender Bürgermeister von Berlin von 2014 bis 2016 auch Kultursenator war, dazu nicht positioniert.

Lässt man alle Nebenschauplätze beiseite, die Finanzplanung, die Eignung von Chris Dercon und den ästhetischen Diskurs, bleibt eine entscheidende Frage: Ist es wahr, dass dem Nachfolger von Frank Castorf explizit der Auftrag erteilt wurde, die Ensemble-Struktur der Volksbühne aufzulösen und dieses Theater von einer produzierenden Schauspielbühne zu einem „international ausgerichteten Mehrspartenhaus“ zu machen, wie die Programmdirektorin Marietta Piepenbrock es ausdrückt? Denn offiziell hat sich von der Politik dazu nie jemand bekannt, auch nicht in der Zeit des heftigsten Protestes durch die Bevölkerung (40 000 Unterschriften!). Statt dessen wurde immer von einer programmatischen Erweiterung gesprochen, die auf dem Bestehenden aufbaue und von der Zeit, die der neue Intendant brauche, ein eigenes Ensemble zu bilden. Die Gebetsmühle jedoch, dass man das Neue tun könne, ohne das Alte zu lassen, ist nichts anderes als die kindkaiserliche Weigerung, eine Entscheidung zu treffen. Und wenn die eierlegende Wollmilchsau dann nicht gedeiht, ist sie natürlich selber schuld. Will man so regiert werden?

Warum hat der damalige Kulturstaatssekretär Tim Renner den Systemwechsel der Volksbühne, den er mit Billigung seines Kultursenators wie es scheint heimlich betrieb, nicht öffentlich zur Debatte gestellt? Warum hat er, wenn er dies scheute, sich nicht wenigstens Berater geholt, die die erwartbare Bruchlandung des theaterfernen Museumsmannes Dercon auch zu dessen Schutz hätten verhindern können?

In der Tat gab es eine Evaluierung der Berliner Theatersituation zuletzt 1991, als der damalige Kultursenator Volker Hassemer eine ost-westdeutsche und fachlich über jeden Zweifel erhabene Runde beauftragte, ein Gutachten zur Gesamtlage zu erstellen. Wenn heute unter Kultursenator Klaus Lederer davon die Rede ist, dass mit Interimsintendant Klaus Dörr etwas Zeit ins Land gehen darf, um eine zukunftsfähige Lösung für die Volksbühne zu ermitteln, führt an einer transparent verfahrenden Findungskommission kein Weg vorbei. Sie muss nicht gleich elfköpfig sein wie die zur Ermittlung der Düsseldorfer Intendanz im Jahr 2013. Aber dass kulturpolitische Weichenstellungen keine Frage der persönlichen Performance eines Verwaltungsfunktionärs sind, dürfte hinreichend bewiesen sein.

Und auch wenn bereits eifrig Namen für die Nachfolge der Nachfolge Frank Castorfs genannt werden – die Notwendigkeit, das Ganze in den Blick zu nehmen, ist mehr als dringend. Das Berliner Theaterpublikum kann die Unschärfen zwischen dem Deutschen Theater und dem Berliner Ensemble vielleicht noch aushalten. Aber auch mit Blick darauf tut ein theaterästhetischer Diskurs Not, neuere Strukturmodelle sind zu erwägen und am Ende muss ein gewählter Politiker die Verantwortung für eine Entscheidung übernehmen. Mit der Zukunft der Volksbühne entscheidet sich auch die kulturpolitische Satisfaktionsfähigkeit Berlins.

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