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Berliner Mauer Zeitzeugenauflauf mit Musik

Eine bunte Mischung an Künstlern und Wissenschaftlern diskutiert in Berlin über die Zeit vor und nach dem Mauerfall.

Der Westdeutsche hat den perfekten Körperbau, ist gelehrig und zeigt in der Prüfung sehr gute Ergebnisse. Dem Ostdeutschen fehlt das perfekte Aussehen, er lässt sich auch nicht ganz so leicht erziehen, arbeitet dann aber sehr trickreich. Bei den Deutschen Schäferhunden sind die Verhältnisse eben noch recht eindeutig. Im ersten Einspielfilm am Montagabend in der Volksbühne Berlin, als anlässlich des Zirkeltags „Über Mauern im Leben und Mauern im Kopf“ geredet werden sollte, gab sich der klassisch braun-schwarze Westler redlich Mühe, eine Hürde zu überwinden. Der graumelierte Ostler mit dem geraderen Rücken sprang ohne Probleme vorwärts, lief dann aber einfach unter dem Hindernis zurück.

Der Ostdeutsche hat eben Erfahrung im Umgehen von Hindernissen. Um diese biografische Besonderheit ging es in mehreren Redebeiträgen am Abend. Die Schriftstellerin Gabriele Stötzer zum Beispiel sprach von ihrer Ur-Erfahrung des Widerstands, als sie während des Studiums mit Jürgen Fuchs zusammenkam. Und sie verwies darauf, dass oppositionelle Gruppen von Frauen seltener mit Stasi-Spitzeln gespickt waren als männerdominierte Kreise. Toni Krahl, der gemeinsam mit Fritz Puppel zwei alte City-Songs vortrug, erzählte von den Tricks, um in der DDR kritische Texte auf Schallplatte unterzubringen und vorzutragen. „Halb und halb“ vom SED-Politbüro-Mitglied Egon Krenz bei einem Konzert nicht erwünscht, würden sie deshalb nur noch rezitieren, das taten sie (holpernd) dann auch: „Im halben Land und der zerschnittenen Stadt, / halbwegs zufrieden mit dem, was man hat“.

Zugleich wurde versucht, nach vorn zu schauen, etwa wenn Harald Hauswald, der durch seine Porträts von Menschen in Ost-Berlin berühmt wurde, sagte, Reisen sei das beste Mittel gegen Rassismus. Und Lyés Bouziane vom SV Rot-Weiß Viktoria Mitte erzählte, wie sich in den letzten Jahren links und rechts des alten Mauerstreifens skeptische Berliner Fußballmütter und -väter zusammenfanden.

Zählt man nur auf, wer als Veranstalter dieses Abends fungierte, wird das wesentliche Problem schon deutlich: die Robert-Havemann-Gesellschaft, das Berliner Kolleg Kalter Krieg, die Bundeszentrale für Politische Bildung, die Stiftung Berliner Mauer und die Volksbühne. Zum Thema 28 Jahre mit und ohne Mauer sind sie alle kompetent und haben wissenschaftlich gebildete und erfahrungssatte Redner zu bieten.

Das sorgte für einen Zeitzeugenauflauf. Auf der Bühne standen kleine Tische mit Sechzigerjahre-Sesseln. In drei Schichten hatten sich dort 18 Gesprächspartner zu gruppieren, von denen nicht mehr als fünfminütige Wortbeiträge erbeten wurden. Bei Überschreitung der Zeitgrenze lauerte der Gitarrist Lothar Fiedler mit tollem Pling-pling. Schon deshalb war man manchem Redner für ein, zwei Sätze mehr ganz dankbar. Zumal die Moderatoren nicht immer gleichermaßen konzentriert fragten. Christoph Singelnstein, Chefredakteur des RBB, musste sich erst einmal beim neuen Hausherrn beliebt machen, indem er sagte, er habe 15 Jahre lang die Volksbühne nicht betreten, denn nicht jedem habe die Brachialästhetik eines Frank Castorf gefallen. „Buh!“, schallte es vielfach aus dem ausverkauften Saal. Vielleicht hatte deshalb sein erster Gesprächspartner Jürgen Böttcher wenig Lust zu antworten.

Singelnstein wollte wissen, warum er in seinem Dokumentarfilm „Die Mauer“ von 1990 so ausführlich das Abklopfen und Abreißen gezeigt habe. Böttcher begann: „Raten Sie mal!“, ließ Singelnstein zappeln, um dann darauf hinzuweisen, dass es in der DDR nicht erlaubt war, in Filmen die Mauer zu zeigen. Peter Wensierski war dann später für die West-Sicht zuständig, auch von ihm wurden Filmausschnitte gezeigt. Aber warum es ihn so oft zu diesen Themen hinzog, zuletzt hat er ein Buch über junge Leipziger Demonstranten von 1989 geschrieben, das wurde er leider nicht gefragt. Die Moderatorin Caro Korneli wollte als erstes von jedem wissen, ob sie ihn / sie duzen dürfe. Später lief als zweiminütiger Einspieler ein Beitrag, den sie für „extra 3“ gedreht hatte – und der ihre Kompetenz zeigte. Im Stile einer volkskundlichen Untersuchung nähert sie sich da den Pegida-Demonstranten. Als „Willkommen in Dresden“ ist es noch auf Youtube abrufbar, sehr zu empfehlen.

Die neuen Feindbilder beschäftigen zum Beispiel Ingo Hasselbach, der in der Wendezeit aus Lust an der Provokation Neonazi wurde und heute Aussteigern hilft, die rechte Szene zu verlassen. Oder Tim Eisenlohr, der als Jugendlicher bei der Umweltbibliothek in der DDR mitmachte und sich heute in der Hilfsorganisation ResCO International für Flüchtlinge einsetzt.

Das alles konnte nur angerissen, als Aussage in den Saal geworfen werden. Und so erschuf der Abend vor allem den Eindruck, dass über deutsch-deutsche Teilungen noch viel zu denken und zu sagen bleibt. Kein Wunder, dass man in den Foyers noch lange Menschen in Grüppchen reden sah.

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