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Berliner Ensemble Stefanie Reinsperger lügt nicht

Die österreicherische Schauspielerin mit der hellen Präsenz und der Lust an der Verausgabung ist seit dieser Spielzeit prägendes Mitglied des Berliner Ensembles.

Stefanie Reinsperger
„20 Sätze und a Kleid“ sind Stefanie Reinsperger nicht genug. Foto: Katharina Poblotzki (Berliner Ensemble)

Als wir uns in Kreuzberg trafen, ging in der Nähe gerade ein Schulfasching zu Ende. Einige von den Strapazen der Ausschweifung leicht desorientierte Schlüsselkinder trugen reststolz ihre schminkverschmierten Gesichter vor sich her und schienen ein bisschen sauer zu sein, dass der  Fotograf nur Augen für die zwar große, aber völlig unverkleidete blonde Frau hatte. Stefanie Reinsperger lächelte ihnen freundlich zu, sagte aber dann à part einen Satz, der für jemanden, der von Kindheit an Schauspielerin werden will, überraschend ist: „Ich hasse Fasching“. Sich verkleiden? In eine Rolle schlüpfen? Aus seiner Identität ausbrechen? Zumindest Hafturlaub nehmen? Wenn das alles nicht eine Grundmotivation für Schauspieler ist, was dann?

Es gibt im Netz ein Zwölfsekundenvideo, das Stefanie Reinsperger bei einer Kostümprobe für ihre Buhlschaft im berühmten Salzburger „Jedermann“ zeigt; da sieht man, dass sie doch Freude am Verkleiden hat. Es ist das erste Mal, dass die Österreicherin ein Dirndl anhat, ein himmelblaues mit grüner Schleife, der Rock fliegt schön, wenn sie sich dreht. In Berlin ist sie derzeit unter anderem in einem schwarzen und in einem roten Abendkleid zu sehen, mal in einem Hemdchen und mal in einem Dienstmädelkittel, mal mit rotem Haarschopf, mal mit korngelben Zöpfen.

Trotzdem erkennt man sie immer, sofort und in jeder Figur wieder: ihre helle Präsenz, ihre Lust an der Verausgabung, ihre Furchtlosigkeit beim Hervorkehren von Angst, Schmerz, Lust, Bosheit, Naivität und Scham – und die Genauigkeit und Schnelligkeit, mit der sie von dem einen ins andere wechselt. Nicht sich zu verstellen, sondern sich zu zeigen, scheint bei Reinsperger die Antriebskraft zu sein. Und dabei kreuzt sich ihre kindliche Spielgier auf das Schönste mit einer Lebenskundigkeit, für die sie eigentlich zu jung ist und zu wenig erlebt und erlitten haben kann.

Seit vergangenem Sommer lebt Stefanie Reinsperger in Berlin, erst nach ihrer nächsten Premiere am 17. März wird sie ein paar Tage probenfrei haben und sich mal die Stadt angucken können – ein dreiviertel Jahr nach ihrem Umzug aus Wien nach Neukölln. Vorher war einfach keine Zeit. Es ist sowieso ziemlich viel passiert im Leben der im Januar dreißig Jahre alt Gewordenen. Als Tochter von Angestellten im österreichischen Außenministerium wuchs sie die ersten vier Jahre in Belgrad auf, dann wechselte die Familie mit dem letzten Flugzeug vor dem Jugoslawienkrieg nach London, ein paar Jahre später nach Hause, „auf den Grund der mütterlichen Familie“, in die Nähe von Wien. Vielleicht tragen die Ortswechsel zu dieser gewissen Rastlosigkeit bei: „Ich hatte schon immer Hummeln im Hintern“, sagt Reinsperger.

Sie spielte bereits in London im Kindertheater, tourte als Schülerin mit einem Musical durch die Lande, überlegte kurz, ob sie Medizin studieren sollte, was sie aber nach einem schulischen Kochkurs, bei dem sie in Ohnmacht fiel, verwarf. „Ich kann kein Blut sehen!“ Als sie bei ihrem ersten Versuch, sich in Berlin an der „Ernst Busch“ zu bewerben, in der Endrunde rausflog, zerfloss sie in Tränen, überlegte kurz, ob sie auch diesen Berufswunsch aufgeben solle, weil sie sich so eine Tortur nicht noch einmal antun wollte.

Aber da hatte ihre Mutter schon lauter Bewerbungen an viele Schauspielschulen verschickt; das Max-Reinhardt-Seminar in Wien wurde es dann. „Auch wenn ich denke, dass jede Schule so gut ist wie das, was man sich da selbst rauszieht, hab ich da reingepasst, mich sauwohl gefühlt und die richtigen Lehrer getroffen. Wegen der kleineren Klassen gibt es da so ein Gruppengefühl, das mir total wichtig ist – auch im Ensemble später.“

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