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Berliner Ensemble Leiter der Verzweiflung

Robert Borgmann inszeniert das „Krieg“-Triptychon von Rainald Goetz im Berliner Ensemble.

18.03.2018 16:17
Berliner Ensemble
Die Dinge stehen unter einem schlechten Stern. Foto: Julian Roeder

Am Sonnabend gab es im Berliner Ensemble eine große Kunstschlacht zu schlagen. Gegeben wurde Rainald Goetz’ Dramentriptychon „Krieg“ und zwar erstmals alle drei Teile am Stück, das dauerte knapp viereinhalb Stunden. 

Dieses postmoderne, postdramatische und postironische Werk hat auch schon wieder dreißig Jahre auf dem Buckel, und in unferner Zukunft werden es die Nachgeborenen in eine Reihe stellen mit Kurt Schwitters (allerdings humorloser) und Samuel Beckett (allerdings verquasselter), und sie werden Querverbindungen zu historischen pop- und musikkulturellen Phasen entdecken, sofern es noch ein paar Nerds gibt, die etwas von Punk und Techno gehört haben. 

Der 1980 in Erfurt geborene Regisseur Robert Borgmann war drei Jahre alt, als sich Goetz in Klagenfurt die Stirn aufschnitt und so andeutete, dass es ihm ernst war mit seinem Leiden an der Fremdheit der Sprache, mit seiner romantischen Sehnsucht, Kunst und Leben wenigstens momentweise in eins zu setzen. 

Auch Borgmann findet sich mit diesem Riss, mit dem schon Shakespeare spielte und an dem Kleist so litt, nicht ab. Zumindest ist er sich nicht zu blöd, den Abend mit Caspar David Friedrichs romantischem „Der Wanderer über dem Nebelmeer“ beginnen zu lassen. Das auf eine große Leinwand projizierte Gemälde wird von einem Kind mit dickem Pinsel abgepaust, verwandelt sich dann zum Videokunst- und Actionpaintingprojekt, bevor die sieben warmgetanzten und farbverschmierten Spieler des Abends die Leinwand zerdreschen. 

Konsequent wäre es, nun das Theater zu zerlegen und dem Publikum jenen Kunst-Leben-Moment zu verschaffen, indem man es abschlachtet. Stattdessen bekommt die Kunst später eine neue Chance, wenn eine kreisende Leuchtstoffröhren-Installation aus dem Schnürboden hereinschwebt – Neonlicht statt Nebelblick. 

Irgendwie muss es ja weiter gehen. Also hält man sich an das, was man hat, die Sprache, und spielt damit. „Heiliger Krieg“ ist ein wortfetzerisches, durchaus clowneskes Nummernprogramm, in dem sich brachialem Saufhumor, Bürgerverzweiflung, depressive Klagen und Kunstanrufungen gut aneinander fügen – und von dem Ensemble auf das Herrlichste ausgespielt werden. 

Eine Wonne, Annika Meier, Aljoscha Stadelmann und Stefanie Reinsperger beim sauberen Austoben zuzusehen, auch die eher aufs tragisch-manierliche Fach geeichten Heldenmimen Constanze Becker und Ingo Hülsmann haben furchtlos frohe Momente. Der BE-Schauspieler Veit Schubert zieht in guter Seelenruhe seinen Sprechspielstiefel durch, führt seine gepflegte spitze Zunge und macht, was er immer macht: Menschen aus Text, und mag der Text auch noch so zerstört sein. 

Gerrit Jansen muss den Mittelteil „Schlachten“ tragen, der nach der Pause eine echte Tortur ist und aus dem geordneten Gejammer und Gemecker eines verhinderten Künstlers besteht, der seiner (zugegeben reichlich dämlichen) Familie die Schuld für sein Scheitern gibt und an ihr sein Leid auslässt. Borgman taucht diesen nur von Stichworten unterbrochenen Memmen-Monolog in Dunkelrot und Langsamkeit. 

Dieses Narkotikum macht wehrlos und erst einmal unempfindlich gegen den dritten Teil, den Totsauf-Monolog „Kolik“: Ein Mann (wieder Stadelmann) in einer Schachtel kombiniert eine Handvoll Worte zu einer Leiter der Verzweiflung, die er von scheinbar wahllosen Blacks unterbrochen Stufe für Stufe hinuntersteigt, kreischend, flüsternd, aushauchend, jedes harte Dunkel ein Schluck Gift. Als das Licht endlich langsam entweicht, wiederholt er immer wieder seine letzten Worte „stirb“ und „still“, und da ist es so, dass man als Zuschauer – zwar nicht abgeschlachtet wird –, sich aber doch für einen sanften schwarzen Moment in die Kunst hinübergestorben glaubt. 

 

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