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Berliner Ensemble Im Käfig

Plötzlich passt es, und es passt sogar etwas zu gut: Dennis Kellys feministischer Monolog „Boys & Girls“ in deutscher Erstaufführung.

Stephanie Eidt
Mit ihr steht und fällt alles: Stephanie Eidt im Monolog „Boys & Girls“ am Berliner Ensemble. Foto: Matthias Horn

Soll diese von Stephanie Eidt gespielte Frau nun so souverän sein oder soll sie nur so tun, als wäre sie es? Sie legt, wenn uns nicht alles täuscht, zu Beginn sogar ein bisschen John-Wayne-Abgebrühtheit in ihre Stimme und spricht so den vor einem Monat im Londoner Royal Court Theatre uraufgeführten und nun im Kleinen Haus des Berliner Ensembles erstmals auf Deutsch inszenierten Monolog „Girls & Boys“ von Dennis Kelly. Regie führte die 33-jährige britische Theaterregisseurin und Schauspielerin Lily Sykes.

Es ist ein feministisches Stück, das an einem konkreten Fall gesellschaftliche Probleme mit den kulturellen Geschlechterrollenbildern und mit der voranschreiten Auflösung dieser Zuschreibungen abhandeln will. Wobei der Mann, von dem die ganze Zeit die Rede und der das Problem der Geschichte ist, gar nicht erst auftritt oder auch nur zu Wort kommt.

In einem auf seine Käfigstruktur reduzierten Raum (Ausstattung Jelena Nagorni) erzählt uns diese oben erwähnte namenlose, toughe Frau ihre Geschichte. Wie sie auf einer Selbstfindungsweltreise besagten Mann bei einem Billigflug-Check-In traf, wie sie ihn auf den ersten Blick unsympathisch fand, sich dann aber in ihn verliebte, Kinder mit ihm bekam, die sie zwischendurch anspricht, als wären sie anwesend. Von ihrem Jungen erfahren wir, dass er im Starwars-inspirierten Spiel mit Waffen gern Dinge zerstört – Terroristen, Städte, Planeten zum Beispiel, aber am liebsten die Bastelarbeiten seiner großen Schwester, die ihrerseits offenbar Architektin werden will und sich schon so verantwortungsvoll zeigt, dass sie im Spiel Baugenehmigungen beantragt. Die Mutter spielt mit, wenn sie Zeit hat, denn eigentlich ist sie mit ihrer Karriere im Filmbusiness beschäftigt, während ihr Mann mit seinem selbst aufgebauten Möbelaufarbeitungsunternehmen bankrott geht.

Wie sie beim Erzählen die Pointen setzt! Wie sie das Material ihrer Lebensgeschichte sortiert hat! Auch die Analyse ist so weit abgeschlossen. Sie verrät uns erst am Ende, dass sie ihre Erinnerungen ganz bewusst manipuliert und dabei ist, besagten Problemmann auszuradieren. Die Auslöschung des Mannes kann man vielleicht auch als bedenkenswerte verallgemeinerungswürdige Idee aus dem Abend mitnehmen. Es gibt jedenfalls gute Argumente dafür. Obwohl es den Anschein hat, dass sie ihre Geschichte einstudiert hat, langweilt sie sich nicht damit. Das liegt wohl daran, dass sie auf eine Katastrophe zusteuert, von der hier, auch auf den ausdrücklichen Wunsch der Berliner-Ensemble-Pressestelle, nichts verlauten soll. Das böse Ende ahnt man allerdings von Beginn an, sonst wüsste man auch nicht, warum man sich diese viel zu sauber erzählte Allerweltsbiografie anhören sollte. Zumal Lily Sykes auf die Idee kam, der Schauspielerin den Pianisten David Schwarz beizugesellen, der die Pointen auch noch mit Tusch-Akkorden betont, illustrative Stimmungsmusik liefert oder die Kinderstimmen vertont, was zwar nicht so laut, aber mindestens so nervtötend ist wie echtes Kindergeschrei.

Diese abstrahierenden Kunstgriffe in Text und Inszenierung schaffen Distanz zu dem, wovon eigentlich die Rede ist – und bilden somit vielleicht die seelische Strategie ab, mit der sich die Protagonistin in ihrer Not hilft. Dieser Abstand führt aber auch dazu, dass das Publikum diese Not eher ungerührt zur Kenntnis nehmen kann. Es steht und fällt also mit dem Spiel von Stephanie Eidt, die sich bei der Premiere noch ein bisschen durch die Textstrecken kämpfen muss. Es gibt aber auch tiefe Momente, in denen sie die Schutzhülle ihrer Figur reißen lässt, etwa als sie ihre (ohnehin imaginierte) Tochter im Gewühl eines Kaufhauses aus den Augen verliert und sie wiederfindet.

Dennis Kelly soll zwei Jahre an dem Stück gearbeitet, das Thema also noch vor Weinstein und #MeToo in Angriff genommen haben. Jetzt passt es zur Debatte, und es fühlt sich leider auch ein bisschen wie Debattentheater an.

 

Berliner Ensemble:
13., 24., 25., 27. März.
www.berliner-ensemble.de

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