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Berliner Ensemble Gleiche Welle

Hinreißend und überflüssig: „Ballroom Schmitz“ geht im Berliner Ensemble auf Sendung.

Ballroom Schmitz
Szene aus „Ballroom Schmitz“. Foto: Matthias Horn

Der Hörfunkpionier Bernhard Schmitz, genannt Bernie, ist der Titelgeber des neuen Musiktheaterprogramms von Clemens Sienknecht und Barbara Bürk. „Ballroom Schmitz“ hatte jetzt im Berliner Ensemble Premiere. Schmitz wurde 1890 in eine große Familie geboren. Groß im Sinne der Zahl ihrer Mitglieder, die für sich betrachtet allesamt ziemlich klein waren, bis auf zwei Großonkel mit buchstäblichem Körperwuchs. Nicht so wichtig. Ebenso wenig führt es weiter, wenn man erfährt, dass Bernie 1900 vor einer Fleischerei in Doberlug-Kirchhain vom Pferd fiel.

Die von Schmitz-Forschern aufgestellte These, nach der seine insgesamt schwere Kindheit – er wurde von der Verwandtschaft weitgehend ignoriert und hat sich das Sprechen selbst beigebracht! – möglicherweise den Drang nach Anerkennung und Liebe ins Übersteigerte wachsen ließ und zum Antrieb für seine künstlerischen und technischen Höchstleistungen wurde – auch diese These ist, egal, ob sie nun zutrifft oder nicht: unwichtig.

Weitere unwichtige Daten und Fakten aus dem Leben von Bernhard Schmitz: Er konnte den sechsfachen Rittberger stehen. Er erfand viele Musikinstrumente. Er verschaffte dem Theaterkritiker Alfred Kerr ein „Schockerlebnis“, indem er ihm als „menschliche Natur im lyrischen Zustand“ erschien.

Schmitz schuf zu Unrecht vergessene Bühnenwerke: „Die Blusen des Böhmen“, „Das Atom der Oper“ oder „Bommeln an der Tracht“. Ja, auch das Theater am Schiffbauerdamm und Bertolt Brecht finden biografische Erwähnung, sollte doch Schmitz in der zu jener Zeit viel tänzerischer angelegten „Dreigroschenoper“ den Peachum geben, woraus allerdings nichts wurde, weil Bertolt Bernds Frau auszuspannen versuchte, wie in einem heiteren Live-Interview mit dem betagten Schmitzforscher Schliemann kenntnisreich bejaht wurde, einem Interview, in dem sämtliche Antworten aus Variationen von Ja bestanden.

Wichtig für diesen, insgesamt zwar hochwertigen und amüsanten, allerdings auch völlig unwichtigen Abend ist allein der Umstand, dass man jemanden brauchte, der dem Ballroom, aus dem live ein wunderbuntes Radiorevueprogramm gesendet wird, seinen Namen gibt. Einen Namen, der sich auf „Ballroom Blitz“ reimt, jenen 1970er-Jahre-Hit der Vokuhila-Glamrocker von The Sweet, bekannt auch aus der „Rocky Horror Picture Show“: „Oh yeah, it was like lightning, everybody was frightening. And the music was soothing, ’cause they all started grooving. Yeah, yeah, yeah, yeah, yeah...“ Und wenn es so jemanden nicht gibt, dann erfindet man ihn sich und flickt ihm – Sternstunde der Dramaturgie – einen möglichst albernen und schrulligen Lebenslauf zusammen.

Dieser presshumorige Bastelrahmen fasst allerdings wirklich hinreißende Pop-Hit-Parodien, austrainierte Glamour-Choreografien, hysterisierende Werbe-Jingles und unverzichtbare Senderubriken wie „Das Quizz...“ oder „Das Rezept der Woche“. Das gesanglich, spielerisch und musikalisch grandiose Ensemble serviert das einerseits alles mit einer am Rand der Verzweiflung balancierenden Beglückungspassion à la Herbert Fritsch. Andererseits lässt es die Professionalität und Routine eines Teams heraushängen, das bereits die 795. Folge der Radioshow produziert: viel Thermoskannenkaffee, ein paar souverän in Schach gehaltene Betriebsamourösitäten, Programmabläufe, die von außen hochkompliziert und chaotisch anmuten, aber fast immer fast pünktlich zur Sendebereitschaft führen. Ein Großteil des an diesem zweistündigen Abend erzeugten Wohlbefindens beruht darauf, dass in diesem Kollektiv, ganz anders als im richtigen Leben, jeder weiß, was er kann, was er soll und wann er dran ist. Nur die Frage nach dem Wozu darf man nicht stellen. Oder die Frage: Warum schon wieder?

Vor zwei Jahren waren Sienknecht und Bürk mit ihrer „Effi Briest“-Radioshow zum Theatertreffen eingeladen. Der Abend funktionierte ganz ähnlich, damals aber konnte man noch glauben, dass er das Bedürfnis nach Welt- und Sinnflucht nicht nur feierte, sondern auch karikierte, dass die hochbemühten und irrsinnig begnadeten Künstler vielleicht sogar heimlich an der Irrelevanz ihrer Hervorbringungen litten. Dieser melancholische Gedanke ist auf der Strecke geblieben bei diesem Aufguss. Der Mangel an Wichtigkeit, der damals mit tragischen Kompensationsversuchen aufgefangen werden sollte, spielt offenbar keine Rolle mehr. Er ist wegvirtuosiert und weggealbert. Der Erfolgsauswalzung steht nichts im Weg.

 

Berliner Ensemble: 23., 31. Mai, 4., 8. Juli. www.berliner-ensemble.de

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