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Berlin Und eine Umarmung für Peymann

„Publikumsbeschimpfung“ am Deutschen Theater, mit tapferem Buh-Rufer und prominentem Zuschauer.

Publikumsbeschimpfung
Peter René Lüdicke beim Schimpfen, Fragen, Zerspielen. Foto: Julian Marbach

Claus Peymann wurde in den letzten Tagen viel zugemutet. Am vergangenen Mittwoch saß er im schweizerischen Chur auf einem Podium und wurde von dem Regisseur Samuel Schwarz zum Thema Macht befragt, ein Thema, mit dem sich der ehemalige Theaterpatriarch auskennt, hat er doch seine schlechten Erfahrungen mit der Mitbestimmung an der Schaubühne gesammelt und eilt ihm doch der Ruf eines brüllenden Regisseurs voraus.

Schwarz führte, wohl um eine gewisse Anschaulichkeit zu bieten, spontan einen Eklat herbei, indem er seinerseits Peymann zu kujonieren gedachte und als „dummes, blödes, chauvinistisches F*** A***!“ (Zitat nach dem Boulevardblatt „Blick“) beschimpfte. Peymann verließ das Podium, Schwarz erhielt Hausverbot.

Am Samstagabend folgte passend die Berliner Premiere der (im Mai dort vorstellten) Stuttgarter Neuinszenierung von Peter Handkes „Publikumsbeschimpfung“. Deren Uraufführung im Jahr 1966 hatte Claus Peymann im Frankfurter TAT besorgt, ein Abend, der die Bundesrepublik einer in dem Maße sicher nicht voraussehbaren reinigenden Erschütterung unterzog. Und nun also, 52 Jahre später, saß der eben selbst beschimpfte Peymann im Publikum der Kammerspiele des Deutschen Theaters.

Der fröhliche, von einem tapferen Buh-Rufer (nicht Peymann) dekorierte Schlussapplaus begann gerade zu versiegen, als der Schauspieler Peter René Lüdicke, der das Stück mit herrlicher Schamlosigkeit für seine ausgespielten Auftritte zweckentfremdete, von der Bühne stieg und direkt auf Peymann zuging, um ihn in die Arme zu nehmen.

Wir können nur raten, was Claus Peymann von der Inszenierung des erst 1982 nachgeborenen Regisseurs Martin Laberenz hält, vermuten allerdings, dass es nicht leicht ist, einen längst zur Legende geronnenen Höhepunkt des eigenen Schaffens neugierig befühlt, ironisch hinterfragt und mit Lust zerspielt zu sehen. Wir glauben es nicht so richtig, wünschen Peymann und der jüngeren Theaterwelt aber, dass in der Umarmung ihr Vater-Kind-Konflikt vielleicht doch einen Moment – nicht der Versöhnung, aber doch der Verbundenheit spürbar gemacht hat.

Peymanns Anwesenheit gab der also an dessen ehemaliger schwäbischer Wirkungsstätte herausgekommenen Produktion noch einen nostalgischen Sidekick. Natürlich sind sich die Nachgeborenen klar darüber, dass der historische Moment unwiederholbar ist, was aber ihrer Meinung nach nicht bedeutet, dass man das Stück vergessen kann.

Denn eigentlich geht es doch in erster Linie darum, die Fenster des Theaters aufzustoßen, die Motten der Konvention aufzuscheuchen und die frische Luft der Unmittelbarkeit hereinzulassen. Was tun wir im Theater? Was ist Spielen, was Sprechen, was Zuschauen? Die Provokation der Beschimpfung, auf die das Ganze dann hinausläuft, ist dann eigentlich nur als Erlebnisverschaffungsservice zu verstehen.

Das einstige Publikum (man sehe sich die Aufzeichnung an) nahm das Angebot mit spürbarer Dankbarkeit an, indem es sich reichlich echauffierte. Handke seinerseits feuerte die Buhrufer noch an. Der besagte einzelne Buhrufer am Samstag aber bemerkte, als er mit redlicher Verzweiflung im Gesicht den Saal verließ, dass er in die Falle gegangen war und seine Empörung eigentlich nur affirmativ und als Pointe eines Witzes von Theaterabend verstanden werden konnte. Wir empfehlen, einfach ein bisschen mitzufeiern.

Deutsches Theater Berlin, Kammerspiele: 14., 22. Oktober. www.deutschestheater.de

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