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Berlin Ist das noch ein Opernhaus?

Die neue alte Staatsoper Unter den Linden klingt sehr gut. Auf der Bühne ist hingegen noch Luft nach oben.

04.10.2017 16:49
VON PETER UEHLING
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Berliner Staatsoper in neuem alten Glanz. Foto: JOHN MACDOUGALL (AFP)

Die Berliner Staatsoper ist wieder in ihr Stammhaus Unter den Linden zurückgekehrt, und nur am Tag der Deutschen Einheit ist dieses Ereignis annähernd angemessen zu feiern. Die politische Spitze der Republik kam aus Mainz eingeflogen, und so konnte man Bundespräsident, Bundestagspräsident, Bundeskanzlerin, ihr halbes Kabinett, ihren geschäftstüchtigen Vorgänger, den Regierenden Bürgermeister und seinen Vorgänger begrüßen: Alle Blicke im Parkett richten sich zunächst auf den ersten Rang, wo sie alle untergebracht waren.

Nur das Grußwort des Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier ist gewichtig genug, um in diesem Haus als erstes zu erklingen. Seltsame Dinge waren da zu hören, etwa dass die Oper in Steinmeiers Augen vor allem dadurch anachronistisch ist, dass man ihre Rezeption anders als die eines Buches oder eines Films auf DVD nicht unterbrechen kann. Die Kulturstaatsministerin Monika Grütters fragte in ihrer kurzen Ansprache, ob die Kraft der Oper an Nachhallzeiten und digital gesteuerter Bühnentechnik hänge oder nicht vielmehr an einem begnadeten Dirigenten, einem engagierten Orchester und hervorragenden Sängern – und da sie zu letzterem neigte, mochte sich der Steuerzahler fragen: Warum haben wir dann so viel Geld in das Haus gesteckt?

Nun, weil der begnadete Dirigent nicht geblieben wäre, hätte man nicht die Decke angehoben, um die Akustik zu verbessern – damit hat er zumindest gedroht. Und natürlich auch, weil die Staatsoper ein Sicherheitsrisiko war. Aber am Ende auch, damit in der deutschen Hauptstadt ein repräsentatives Opernhaus auf dem neuesten Stand der Technik entsteht. Deutsch sollte auch die Eröffnung sein: Der selbsternannte „letzte Deutsche“, Botho Strauß sollte ein Libretto zum Thema „Saul“ dichten, der letzte deutsche Tonsetzer von überregionaler Bekanntheit, Wolfgang Rihm, sollte es komponieren – daraus wurde aufgrund von Rihms schwerer Erkrankung erstmal nichts.

Auf abgedroschene Eröffnungsschinken wie Richard Wagners „Meistersinger von Nürnberg“ wollte man nicht zurückgreifen – Nürnberg sollte man ohnehin besser nicht mehr mit betont deutschen Repräsentationszwecken verkoppeln –, und wenn Wagner nicht geht, bleibt als angemessen ragender Repräsentant deutschen Geistesheldentums nur Goethe und dessen „Faust“, vertont von Robert Schumann, jenem „süßlichen Sachsen“, der nach Friedrich Nietzsches bösen Bemerkungen in seiner „Trunkenboldigkeit des Gefühls“ das Deutschtum viel unverfälschter repräsentiert als der dekadente Wagner.

Man lernt diese „Szenen aus Goethes Faust“ in dieser Premiere unter dem Titel „Dürft ich zum Augenblicke sagen: Verweile doch!“ wieder einigermaßen fürchten. Der Regisseur Jürgen Flimm hatte die Idee, zwischen die von Schumann ausgewählten Szenen mit Sängern weitere „Faust“-Szenen mit Schauspielern zu stellen, wobei er die Goethesche Szenenfolge auch mal umstellt. So dehnt sich der Abend auf stolze dreieinhalb Stunden, aber „Szenen“ bleiben es immer noch, eine Geschichte wird es nicht, eine Spannung, die den Abend trüge, entsteht auch nicht, im Gegenteil: Die Anachoreten-Szene von „Waldung, sie schwankt heran“ bis zu „Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis“ auch noch für eine kleine Spielszene zu unterbrechen, strapaziert die Geduld enorm. In guten Aufführungen kann diese letzte Dreiviertelstunde durchaus tragen – aber hier ist leider auch dem Dirigenten Daniel Barenboim nicht mehr viel eingefallen; eine Melodie nach der anderen winkt er durch, und eine klingt harmloser als die andere, als wäre die Schlussszene des „Faust“ ein biedermeierlich Liederspiel.

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