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Berlin Der verliebte Abt

Giovanni Boccaccios „Dekameron“ frank und frei am Berliner Ensemble.

Dekameron
Na? Foto: Matthias Koslik

Die Kritiken über solcherart Theaterveranstaltungen sind meist als gebrochene Heldengeschichten in Ich-Form verfasst. Der eine Kollege will geknutscht haben, der andere betrunken gewesen sein – alle sind leicht verliebt und kehren gerade noch so einen professionellen Umgang hervor. Auch hier geht es nicht ohne Geständnis. Nein, Hortensia, keinen Schreck kriegen, die Geschichte zwischen uns meine ich nicht. Aber dies: Bisher habe ich es meistens geschafft, immersive Theaterinstallationen zu meiden und wie zufällig an willige Kollegen zu delegieren (Gruß!). Keine Lust auf diese begehbaren, meist sehr detailliert ausstaffierten fiktiven Welten, in denen Schauspieler hausen und in Interaktion mit den Zuschauern treten. Keine Lust? Eher Angst. 

Das Performance-Duo Signa ist damit vor ungefähr 15 Jahren berühmt geworden. Ihr Bühnenbildner Thomas Bo Nilsson geht seit fünf Jahren eigene Wege, die ihn nun ans Berliner Ensemble führten. Hier hat er mit Julian Wolf Eicke ins Kleine Haus ein Labyrinth gebaut, das das Refugium jener zehn wohlbemittelten Florentiner darstellt, die im Jahr 1348 der Pest entfliehen konnten, um sich für zehn Tage dem bitteren Erdenleben, so weit es diesseits möglich ist, zu entziehen.

Einjeder von ihnen ist für einen Tag König, und während der langen Mittagshitze werden reihum Geschichten erzählt: Giovanni Boccaccios Novellensammlung „Dekameron“. Getanzt wird auch, gespeist, getrunken geflirtet, aber nur so weit, dass keine Konsequenzen im echten Leben, zu dem man wieder zurückkehren würde, entstünden. 

Insofern, verzeih, Hortensia, konnte der Abt nicht anders handeln, als deine in seiner inneren Seele willkommenen zudringlichen Zärtlichkeiten abzuwehren, zumal es sich bei dir um eine Schauspielerin, und bei dem Abt um einen bürgerlichen Theaterkritiker handelte, der in seiner Not sogar eine Kollegin, ohne deren Wissen (Gruß!), als seine Gattin ausgab, damit du leider, leider von ihm ließest. Bei aller immersiven Ungeübtheit und trotz feuchter Hitze hatte ich keine Mühe, das Theatererlebnis bei guter Laune durchzustehen. Es half, dass die Spieler vom Rambazamba-Theater dabei waren. Denn das Verstellereigespiele der herkömmlichbemittelten Insassen – außer dir, Hortensia – provozierte vor allem die Lust, ihnen irgendwie auf die Schliche zu kommen, worüber diese wiederum schnell sauer wurden.

In dem absichtsvoll unüberblickbaren narrativen Gebilde können sie nicht in ihren Figuren reagieren, wenn man ihnen auf den Zahn fühlt, weil die Erzählung sofort in einer Sackgasse landet. Deshalb ist eine Exit-Ebene eingezogen, indem die Bewohner behaupten dürfen, doch nur Schauspieler zu sein, die auf Geheiß von irgendeinem (Name vergessen) hier mitmachen müssten und selbst nicht so richtig wüssten, worum es denn gehe, knickknack. Ich sollte mich einlassen, atmen und eben einfach mal der Abt sein, als solcher den Mönch von der adlig verheirateten Bauerstochter Griselda schubsen und selbst mit ihr sündigen, was ich dann auch tat, indem ich ihr eine Predigt hielt wegen ihrer blöden Tugendhaftigkeit, mit der sie die vernichtenden Kränkungen ihres Grafengatten ertrug, lesen Sie selbst, es ist die letzte Geschichte im Dekameron. 

Die Rambazambas aber versuchten gar nicht erst ihre eigene Ratlosigkeit oder auch Müdigkeit irgendwie zu bemänteln, man kann sich prima mit ihnen über den getriebenen Aufwand freuen. Sie sind diejenigen, die Kontakt zu den Toten halten und simultanübersetzen, meist wollen diese herausgeputzten Kadaver ihre Ruhe haben, höchstens aber bemitleidet werden oder Huldigungen empfangen, bitteschön. Offenbar haben die adligen Florentiner doch nicht den Weg zurückgefunden und wesen nun traurig zwischen Fiktion und Wirklichkeit. Das Gewimmel von 28 Schauspielern und zehn Schaufensterpuppen bei dreißig Zuschauern ist zwar reich, aber man trifft schnell auf die immer selbe Grenze. 

Noch immer?, hauchtest du mir beim Abschied zu, und mir verrutschte ein unverfänglich gemeintes Lächeln, das mir an diesem Abend schon des Öfteren als Ironie ausgelegt und übelgenommen wurde. Pardon, Hortensia, ich habe Sie geduzt.

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