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Berlin Das ist immer möglich

Das Deutsche Theater Berlin zeigt „It can’t happen here“ eine Parabel auf den aufhaltsamen Aufstieg des Populismus.

It Can´t Happen Here
Szene aus „It can’t happen here“ mit Felix Goeser, Matze Pröllochs, Benjamin Lillie, Wiebke Mollenhauer, Camill Jammal, Michael Goldberg. Foto: Arno Declair

Diesmal das Ende vornweg: Zwei tapfere Frauen aus den Zuschauerreihen betreten die Bühne und erschießen den „Führer“. Er steht im diffusen Nebellicht am Mikrofon, blaue Hose, die Jacke im Tigerstreifen-Look. Ein Mann allein vor seinem Publikum. Hier einige seiner Sätze: „Das einzige Recht, was euch bleibt, ist der Gehorsam.“ Die Stimme zuckt. „Tod allen Kranken. Tod allen Schwachen. Tod allen Andersdenkenden.“ Er ächzt. „Ich werde schlachten und foltern und stehlen und ich flute die Keller mit dem Blut eurer Kinder.“ Nichts geschieht. „Was denn noch? Was müsst ihr hören, damit einer von euch aufsteht und sagt, „nein“?“ Da stehen die zwei Frauen auf, nehmen die bereitgelegte Pistole und erschießen ihn. Der Tyrann ist tot, das Spiel ist aus.

Am Morgen nach der Premiere in den Kammerspielen des Deutschen Theaters twittert der Regisseur des Abends, Christopher Rüping: „Ok die Zuschauer, die am Ende von IT CANT HAPPEN HERE auf die Bühne kamen (...) waren nicht inszeniert.“ Wirklich? Das wäre ja ein toller Erfolg für diese Inszenierung.

Von Anfang an hat sie es umstandslos darauf abgesehen, die Widerstandskraft von uns Zuschauern zu testen. Uns zu provozieren, uns aus unserer Bequemlichkeit und Bescheidwisserei herauszureißen. Das will nicht recht gelingen. Zur Halbzeit dieser bemerkenswerten Veranstaltung, nachdem ein gewisser Buzz Windrip entgegen aller Wahrscheinlichkeit zum 27. Präsidenten der USA gewählt wurde, und mit „dem Volk“ also gefeiert werden soll, werden gar frische Hot Dogs angeboten, um uns auf die Bühne zu locken. Es dauert, bis die gut 30 Würste ihre Abnehmer gefunden haben. Und noch während der Wurstparty droht Lee Sarason, Chef-Berater des neuen Präsidenten, allen „Reformgegnern, Verschwörern und Putschisten“ mit „Schnellgerichten“. Der Präsident ist im Amt, und er ist, was von ihm zu erwarten war: ein Verbrecher.

Zwei Jahre nachdem Hitler die Macht ergriffen hatte, veröffentlichte Sinclair Lewis seinen Roman „It can’t happen here“. Einer wie Hitler, sagt der Roman, ist sehr wohl auch in den USA möglich. Er ist immer möglich. Die sehr frei nach dem Buch entstandene Inszenierung am DT muss gar nicht den aktuellen Fünfbuchstaben-Präsidenten der USA beim Namen nennen, um die Parallelen herauszustellen. Das weiß man nach zwei Minuten. Aber weiß man auch, was zu tun und bleiben ist? In einer Umdrehung der Roman-Perspektive geht der Blick „von der anderen Seite des großen Wassers“ auf uns und unsere Demokratie. Auf ihre Fragilität, auf die Verführbarkeit jedes Einzelnen. Was muss denn noch passieren, dass wir aufstehen? Die Inszenierung meint das wörtlich, sie ist wie ein Faustschlag, und ob man ihm ausweicht oder sich von ihm treffen lässt, hat jede und jeder für sich zu klären. Es liegt am Einzelnen, was wirklich wird.

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