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Berlin Das Bonbon

Mit Lust an der Verwirrung und der Provokation: Ersan Mondtag inszeniert „Salome“ im Gorki-Theater.

Salome
Benny Claessens, doppelt: als Salome und als Statue. Foto: Birgit Hupfeld

Im Gorki-Theater ist eine so lustige wie böse, so bunt leuchtende wie finstere Rätseloper herausgekommen, bei der am Ende ein Chor von unter ihren Kutten nackten Judenkarikaturen mit Hakennasen und entzündeten Augen den „Endlösung-Song“ schmettert und zum Massensuizid aufruft: „Rettet das Universum und schafft uns Menschen ab/ Wir werden eh sterben/ Wen kümmert’s? ,Endlösung‘ kriegt jetzt endlich ’nen neuen Sinn./ Wir werden eh sterben/ Welch herrlicher Tod.“ Ob die vereinzelten Buhs im Schlussapplaus auf den antisemitischen Grundton der Inszenierung von Theaterschreck Ersan Mondtag abhoben? Also als moralische Zurechtweisung gemeint waren? Dann wäre vielleicht was erreicht.

Abgesprungen ist Mondtag von Oscar Wildes schwülstigem Dekadenz-Einakter „Salome“: Der galiläische Tetrarch Herodes hat den Bruder umgebracht, um seine Schwägerin Herodias zu ehelichen, himmelt nun aber deren Tochter, die schöne Salome an – seine Stieftochter. Diese wiederum fühlt sich rettungslos zu dem gefangenen jüdischen Bußprediger Jochanaan hingezogen, der in seiner sittlichen Reinheit eine schwere Frauenphobie ausgebrütet hat und Salome forsch zurückweist. Ihren Kuss bekommt Salome bekanntlich doch, nachdem ihr – das war der Preis für ihren Schleiertanz vor Herodes – Johanaans Kopf auf einem Silbertablett serviert wird.

Johanaan wird im Gorki von besagter Karikaturengruppe verkörpert, als irre Stimme archaisch-fundamentalistischer Sittlichkeit – und von der Gegenseite tritt Orit Nahmias als Clown auf, oder, wie sie sich selbst im Monolog bezeichnet, als „kleiner, stinkender Jude“, der uns Gegenwartsteilnehmern eine Standpauke hält, uns zu Sklaven unseres Freiheitsfetischs erklärt, die verbrecherische Arroganz unseres Wohlstands auf Kosten anderer anprangert und nebenbei versucht, den „Idioten“ im Publikum, die an Jesus Christus glauben, das Stück zu erklären. Was, wie sie ein bisschen auch zu unserer Erleichterung zugeben muss, relativ hoffnungslos ist.

Im Zentrum, das heißt eingeklemmt zwischen den beiden Polen des urmoralischen und postmoralischen Fanatismus, schmollt und leidet und balzt die unkontrollierbar liebreizende Salome – und zwar in der beeindruckenden und würdigen, allerdings in ein Bonbon von Schleifchenkleid geschlüpften Gestalt von Benny Claessens.

Dieselbe Gestalt wird dann als überlebensgroße, zentralmassive, sitzende Nacktskulptur sichtbar, wenn sich der Eiserne Vorhang hebt und den Blick durch das mit der Aufschrift „LOST“ versehene Portal ins Innere der Burg freigibt. Um diesen apathisch-schwellenden Koloss melancholischer Grandezza scharwenzelt die blutschänderisch versippte Kleinfamilie (mit Lea Draeger als Herodes und Michael Gempart als Herodias) im Robert-Wilson-Look herum – lauter Opfer ihrer Leidenschaften, versinkend im schillernden Schmutz ihrer turbo-narzisstischen Projektionen und Ideale.

Alles drin: Gender- und Identitätspolitik, Rassismus, Sexismus, Ageismus, Antisemitismus, religiöser Fundamentalismus, entfesselter Liberalismus. Verpackt als ästhetischer Rundumschlag mit Musik, die zwischen Avantgarde und Musical wechselt (Max Andrzejewski), mit einer Spielweise zwischen Tableau Vivant und Märchentheater, deren Ironie bis zum Pathosdrama überzogen wird. Die Grenzen zur bildenden Kunst sind mit Mondtags skulpturalem Bühnenbild passé. Und das alles sprengende autoreflexive Moment (der stinkende Stückerklärer) sowie das Spiel mit Tabus machen dieses schrille und vertrackte Bühnenwerk endgültig zum Musterstück der Postmoderne. Ungeniert nachgereicht aus den Neunzigern, aber frisch.

Maxim-Gorki-Theater, Berlin: 13., 14. Dezember, 12., 13. Januar. www.gorki.de

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