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Bayreuth Wagner-Festspiele in Bayreuth beginnen

Heute geht es los mit den berühmten Festspielen in Bayreuth. Dazu unser Festspiel-ABC - ein Leitfaden von Applaus bis Zinnober.

Wagner Fans Flock To Bayreuth Festival
Typisch Bayreuth: Ein Wagner-Zwerg von Ottmar Hörl drängelt sich vor. Hinten das Festspielhaus. Foto: Getty Images

Heute beginnen mit Barrie Koskys Inszenierung der „Meistersinger von Nürnberg“ die Festspiele in Bayreuth. Im berühmtesten aller Festspielhäuser, in dem (fast) nichts anderes gespielt wird als die Musik Richard Wagners und das seit 141 Jahren das deutscheste und internationalste Opernereignis der Welt beherbergt. Dazu ein Leitfaden von Applaus bis Zinnober.

A

Applaus im Akt ist in Bayreuth nicht zu befürchten. Die Besucher bemühten sich seit jeher, Wagner die Wünsche von den Lippen abzulesen. Da 1882 verlautete, Beifall im Bühnenweihfestspiel „Parsifal“ missfalle dem Meister, herrschte auch nach den Aktschlüssen andächtiges Schweigen (das heißt, es passierte das Übliche: Einige Hansel applaudierten, andere zischten sie nieder). So hatte Wagner es aber auch wieder nicht gemeint. „Jetzt weiß ich gar nicht, hat es dem Publikum gefallen oder nicht“, murrte er. Seither wird wieder geklatscht, aber nicht nach dem ersten Akt (das heißt, es passiert weiterhin das Übliche: Einige Hansel applaudieren, andere zischen sie nieder). 

B

Beckmesser, der B. aus den „Meistersingern“ (siehe  M), war für Adorno eine der „Judenkarikaturen“ in Wagners Werk. Zugleich ist er ein geachteter Mann, der den Meister-kollegen ansagen darf, wo sie Fehler machen. An B.s Darstellung entscheidet sich viel in einer „Meistersinger“-Inszenierung, wie sie heute Nachmittag vor Ort in der Regie von Barrie Kosky zu erleben sein wird. So klar ist gar nicht, wer der Außenseiter in dieser Außenseiter-Oper ist.

C

Cosima Wagner hat mehr als ihr Mann die Festspiele zu dem gemacht, was sie sind. Nicht nur, weil sie mehr Zeit dafür hatte und Richards Regieanweisungen hütete wie den Heiligen Gral. Sie versammelte auch den berüchtigten Bayreuther Kreis um sich, der den Antisemitismus zur offiziellen Bayreuther Linie machte. Das entschuldigt nicht die Schändlichkeiten, die Wagner über Juden (siehe J) schrieb.

D

Dunkelheit, tiefe D. im Zuschauerraum gehörte zu den Innovationen, die die Festspiele boten. Theodor Fontane schrieb 1889 von einem (sehr kurzen) „Parsifal“-Besuch: „In diesem Augenblicke wird es stockduster. … Und nun geht ein Tubablasen los, als wären es die Posaunen des  Letzten Gerichts. Mir wird immer sonderbarer, und als die  Ouvertüre zu Ende geht, fühle ich deutlich: ,Noch drei Minuten, und du fällst ohnmächtig oder tot vom Sitz.‘“ Entsprechende Vorfälle haben allerdings gezeigt, dass man in Bayreuth mangels Platz gar nicht vom Sitz fallen kann.

E

Einführungsvorträge sind während der Festspielzeit ein wichtiges gesellschaftliches Element. Verschiedenartige traditionellere und lustigere Varianten stehen in einer an den Frühstücksbüfetts der Hotels lebhaft diskutierten Konkurrenz. 

F

Familie. Die F. Wagner ist weitverzweigt und zerstritten. Cosimas Töchter stritten unter besonderer Berücksichtigung der Frage, ab wann genau ihre Töchter von Wagner abstammten. Siegfrieds Kinder stritten unter besonderer Berücksichtigung der Frage, wer sich wie im Nationalsozialismus (siehe N) verhalten hatte. Wielands und Wolfgangs Kinder stritten, bis es einem Gericht vorläufig reichte.

G

Grüner Hügel. Der G. ist tatsächlich grün, eine Art Park. Auch Skeptiker kommen hier ins Pilgern, heutzutage (seit 2012) aber dann auch rechtzeitig vorbei an Schautafeln, die an die verfemten und ermordeten jüdischen Musiker der Festspiele erinnern.

H

„Hier gilt’s der Kunst“, sagt Eva in den „Meistersingern“ (siehe M) zu Hans Sachs. Dieser da noch schillernde Satz (er kokettiert, sie lockt) diente früh der Illusion, Kunst und Politik seien zu trennen, und später der Verdrängung. Als im schwer kompromittierten Festspielhaus 1951 die ersten Nachkriegsfestspiele stattfanden, ließen die Wagner-Enkel Wieland und Wolfgang plakatieren: „Im Interesse einer reibungslosen Durchführung der Festspiele bitten wir von Gesprächen und Debatten politischer Art auf dem Festspielhügel freundlichst absehen zu wollen. Hier gilt’s der Kunst.“ Später wurde das wohlwollend auch als eine gewisse Ironie (siehe I) von „Neubayreuth“ interpretiert.

I

Ironie ist nicht Bayreuths starke Seite. Immerhin kann man heute darüber lachen, dass man im „Ring“ ausgerechnet auf diesen Sitzplätzen etwas über „harten Schlaf“ vorgesungen bekommt. Der beste Wagner-Witz ist Woody Allen zu verdanken. „Ich kann nicht so viel Wagner hören, ich habe dann den Drang, Polen zu erobern.“ Im Netz finden Sie sofort Wagner-Hörer, die das nicht lustig finden und auch inhaltlich nicht nachvollziehen können. 

J

Judentum. Richard Wagners schändlicher Aufsatz „Das Judentum in der Musik“ schien 1850, in Jahren starker Assimilation und bürgerlicher Hoffnungen westeuropäischer Juden, seiner Zeit hinterher zu sein. Später zeigte sich jedoch, dass er seiner Zeit voraus war und die Salonfähigkeit antisemitischer Stereotype miteinleitete. Die hier abgekürzte Grundbehauptung, dass Juden nicht zu echtem Künstlertum fähig seien, den Betrieb aber übermächtig dominierten, diente konkret und mit bis heute nachwirkendem Erfolg dazu, dem (im Text ungenannten) Opernkonkurrenten Giacomo Meyerbeer zu schaden. Wagner selbst hinderte sein Geschwätz nicht daran, im Rabbinersohn Hermann Levi den einzigen adäquaten „Parsifal“-Dirigenten zu sehen. Auch dass viele Förderer der Festspiele Juden waren, störte ihn nicht. Priorität hatte immer Richard Wagner.

K

Katharina Wagner, 1978 in Bayreuth geboren, ist die Urenkelin von Richard Wagner und leitet die Festspiele seit der Saison 2009, zunächst zusammen mit ihrer Halbschwester Eva Wagner-Pasquier, seit 2015 allein. Das sind, sagen wir mal, seltsame Arrangements, wenn man bedenkt, dass es sich nicht um ein Privattheater handelt. Anders als viele Kritiker es sehen wollen, hat sich das penetrant Familiäre – das mit K.s Amtszeit zu Ende gehen dürfte – aber bisher nicht zum Nachteil der Festspiele ausgewirkt.

L

Liszt, Franz, der große Komponist, Pianist, Schwiegervater und Förderer Wagners, starb am 31. Juli 1886 während der Festspiele. Seine Tochter Cosima (siehe C) ignorierte das so weit wie möglich, da es zeitlich schlecht passte. Diese Respektlosigkeit wurde ihr zwar angekreidet, aber bis heute blieb Liszt auf dem ihm zugewiesenen Nebengleis. Wagner konnte keinen Komponisten neben sich brauchen, schon gar keinen, dessen Musik ihm Fundstücke geboten hatte. 

M

Meistersinger, Die. Regisseur Kosky fasst die Ausgangssituation für die dpa zusammen: „Was ist Kunst, was ist deutsche Kunst? Was ist gute Musik, was schlechte? Was ist Deutsch und was nicht? Wer entscheidet darüber? Wer ist Teil der Gemeinschaft? Diese Themen sind explosiv, das waren sie im 19. und 20. Jahrhundert und das sind sie auch im 21. Jahrhundert. Und es wird noch viel komplizierter dadurch, dass Wagner das Werk als Komödie schrieb.“

N

Nationalsozialismus. Erst wollten die Bayreuther Festspiele möglichst viel mit dem N. zu tun haben, dann am besten überhaupt nichts mehr. Die Britin Winifred Wagner, Witwe von Wagners Sohn Siegfried, fanatische Nationalsozialistin, wurde abgesägt und der totale Neuanfang propagiert. Erst in jüngerer Vergangenheit wurde – vor allem durch die Historikerin Brigitte Hamann – einer breiteren Öffentlichkeit klar, wie tief auch der als ganz unverdächtig geltende Enkel Wieland als Hitlers Günstling in den N. verstrickt gewesen war. Bis zur großen Umgestaltung der Dauerausstellung in und um Wagners Villa Wahnfried 2015 konnte man beim Besichtigen den Eindruck haben, Hitler in Bayreuth sei ein kleiner Betriebsunfall gewesen.

O

Orchestergraben, verdeckter. Im von einem Schalldeckel verborgenen O. herrschen extrem hohe Temperaturen. Aber die schwitzenden und hemdsärmligen Musiker sind nicht zu sehen. Das befördert Bühnenillusion und Dunkelheit (siehe D) und dämpft die Lautstärke des Orchesters auf ein weltberühmtes Maß (natürlich wird trotzdem gemeckert). Die Besichtigung lohnt. Man sieht Stellen, an denen extra noch eine Ecke ausgesägt wurde, damit auch die letzte Geige den Ellenbogen beim Streichen bewegen kann, ohne Schaden zu nehmen. Nicht alles ist ausgereift. Man ahnt aber, dass es hier (siehe H) wirklich der Kunst gilt.

P

Parkplatz. Hinterm Haus gibt es einige P.e für verschiedenartige Funktionsträger, die aber nicht näher bestimmt sind, z. B. „Festspielleitung“. Seit 2015 gibt es ein vielfotografiertes Schild mit der Aufschrift „Musikdirektor C. Thielemann“. Diesen Posten gab es bis dahin gar nicht, aber egal. Dass der beförderte und seither erst recht intensiv mitmischende Dirigent Christian Thielemann einen Porsche fährt, gefällt Freund und Feind gleichermaßen, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen.

Q

Querelen vor den Festspielen haben Tradition, zu viel Familie (siehe F), zu viele Künstler. Ein russischer Bariton hat auf einmal ein altes Hakenkreuz auf dem Körper und die Chefinnen wechseln ihn rasch aus, ein lettischer Dirigent reist wortlos ab. Dass es in diesem Jahr bisher so ruhig blieb, war den Agenturen bereits etliche Meldungen wert.

R

Russ heißt der Hund, der in der Nähe Wagners im Garten von Wahnfried begraben liegt. 
„Hier ruht und wacht Wagners Russ“, steht auf seinem Grab.  Pilger legen auf Wagners Grab Blumen nieder und haben für Russ ein Hundeküchlein dabei.

S

Sitzkissen, die vom Garderobenpersonal quasi von privat zu privat ausgeliehen werden, dienen vor allem dazu, die schonungslos niedrige Rückenlehne abzufedern. George Bernard Shaws Formulierung, „die einzige Qualifikation, die der Besucher Bayreuths mitbringen muss, ist Geld“, benennt insofern nur eine Hälfte der Wahrheit. Die andere ist, dass der Besucher die Bestuhlung aushalten muss. Dem Vernehmen nach wird daran nichts verändert, weil dies aus feuerpolizeilichen Gründen weniger Sitzplätze zur Folge hätte.

T

Taube. Die Anekdote kann nicht unerwähnt bleiben, nach der der Dirigent Hans Knappertsbusch es nicht ertrug, dass Regisseur Wieland nach dem Kriege im „Parsifal“ auf die T. im 3. Akt verzichtete. Auch auf vieles andere, aber bei der T. hörte für Knappertsbusch der Spaß wieder einmal auf. Wieland soll daraufhin eine T. nur ein Stückelchen herabgelassen haben, so dass der Dirigent sie sah, das Publikum aber nicht.

U

Unterbringung. Die U. zur Festspielzeit ist teuer, aber nicht schamlos teuer. Kein Vergleich zur Frankfurter Buchmesse.

V

Versorgung. Während der ersten Festspiele 1876 war der Grüne Hügel noch völlig überfordert vom massenhaften Andrang. Peter Tschaikowski schreibt: „Man hörte mehr von Beefsteaks, Schnitzeln und Bratkartoffeln als von Wagners Leitmotiven.“ Heute gibt es alle paar Meter Würstchen, Eis, Kuchen und Weizenbier. Man hat aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt.

W

Wagnerianer unterscheiden sich von Bayreuthianern dadurch, dass W. noch etwas Abstand zu dem Objekt ihrer Verehrung haben. Was nicht heißt, dass dieser Abstand sehr groß ist. Bayreuthianer sind seit dem Zweiten Weltkrieg auch aus der Mode gekommen.

X

X-beliebig. Der Vorwurf, x. zu sein, muss an einer Unternehmung haften, die zwischen totalem Konservatismus und dem Willen, die Speerspitze jeweils zeitgenössischer Wagner-Regie zu sein, hin- und herschwankt. Es klingt problematischer, als es ist, dass die Bayreuther Festspiele heute weder das eine noch das andere sind. 

Y

Yggdrasil. Der Problembuchstabe Y kann Wagner nicht in Verlegenheit bringen, auch wenn er die in der „Edda“ geschilderte Y. in seinem „Ring“ Weltesche nennt.

Z

Zinnober ist auf der Bayreuther Bühne unbedingt möglich. Die Werkstatt für die Bühnenbilder befindet sich direkt neben der Bühne, die Kulissenteile müssen nur wenige Meter weit über eine kleine Freifläche geschoben werden. Nur durch die Torbögen müssen sie passen. Die Bayreuther Verhältnisse sind seit jeher fit und handgestrickt zugleich. Man müsste an sich einmal erleben, was außerhalb des Gebäudes während der Vorstellung los ist. Aber obwohl jeder über die Festspiele nölt, wollen dann doch wieder alle rein. Ab heute, 16 Uhr, bis zum 28. August.

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