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Barockoper Familienaffären

Vivaldis „La verità in cimento“ gelingt im Rokokotheater Schwetzingen.

Mit dem Sohn, der auf einmal nicht ihr Sohn sein soll: Franziska Gottwald, David DQ Lee. Foto: Sebastian Bühler

Trotz seiner beneidenswerten Beliebtheit ist Antonio Vivaldi mit seinen Opern nicht mehr sehr präsent. Nicht nur haben sie den Ruf, besonders schematisch zu sein, auch die technischen Ansprüche an Instrumentalisten und Stimmen sind beträchtlich. Zugleich handelt es sich um hochfiligrane Unternehmungen für kompetente Trüppchen in überschaubaren Sälen.

Das Rokokotheater Schwetzingen ist so offensichtlich perfekt dafür, dass man nicht weiß, wie man sich schnell genug Karten beschaffen soll. Hier begann das Festival „Winter in Schwetzingen“ nun mit „La verità in cimento“ („Die Wahrheit auf dem Prüfstand“), bei der Uraufführung 1720 in Venedig etwas untergegangen, jetzt in einer Produktion des Heidelberger Theaters umsichtig reaktiviert. Die Dramaturgie in Person von Thomas Böckstiegel hat die Arienflut auf eine einleuchtende Zahl gekürzt. Das Affektearsenal – unter besonderer Berücksichtigung von Kummer, Bitternis und Wut – ist vorhersehbar, es gelingt jedoch auch, die Handlung gut herauszuarbeiten. Und die Handlung ist unerwartet spannend. Ein Herrscher (hier als „reicher Unternehmer“ apostrophiert) wollte einst besonders schlau sein und hat seine beiden Söhne, der eine das Kind seiner Frau, der andere das Kind seiner Geliebten, direkt nach der Geburt heimlich vertauscht. Vielleicht wollte er dem unehelichen Sohn damit bessere Startchancen geben, zugleich die (allerdings nicht informierte) Geliebte beruhigen.

Jetzt, da er ein Bedürfnis hat, die Wahrheit ans Tageslicht zu bringen, ist jedenfalls alles kompliziert: Die Geliebte in ihren Muttergefühlen verwirrt, die Gattin stinksauer, der bisher verwöhnte uneheliche Sohn rasend vor Wut, der bisher missachtete eheliche Sohn nicht minder. Hinzu kommt, dass beide dieselbe Frau lieben, deren Pragmatismus – heirate stets den Erben! – einen raschen Schwenk erfordert. Erst als das Libretto alle Beteiligten ad hoc zwingt, sich einfach ein bisschen zu beruhigen, kann das gute Ende kommen (in Schwetzingen mit fieser kleiner Schlussvolte).

Für einen barocken Opernplot ist das verhältnismäßig interessant, und es fällt der Regisseurin Yona Kim nicht schwer, die Handlung aus dem ursprünglich vorgesehenen Serailmilieu in die Welt von heute zu übertragen. Unaufdringliche „Denver-Clan“-Stimmung herrscht und erscheint keineswegs forciert. Unterstützt wird sie von Falk Bauers schicken Kostümen und dem lebhaften, ungezierten Spiel der jungen Beteiligten. Die Bühne von Jan Freese bietet dazu ein kühles Interieur, den in diesem Fall tatsächlich geeigneten Kontrast zur Rokoko-Schönheit des Saals und zu den Aufwallungen der Gefühle. Das Ensemble, das sängerisch stets im Einzel agiert, bis sich zum beglückenden Finale endlich einmal alle zusammentun, ist überzeugend. Francesca Lombardi Mazzulli ragt heraus als junge Rosane zwischen zwei Männern, stimmlich bei aller Wucht empfindsam und eigentlich sympathischer als ihre Rolle. Shahar Lavi und Franziska Gottwald sind die gestressten Mütter, markant, aber nicht grell aufsingend, während der Tenor Francisco Fernández-Rueda in der hellen Umgebung ganz sonor wird. Denn die Söhne werden von unterschiedlich gearteten Countern gesungen, David DQ Lee, dessen häufige Registerwechsel, vielleicht dramaturgisch gedacht, hier irritierend wirken, und Philipp Mathmann mit einem jungen, immens kräftigen, aber noch nicht sehr variabel erscheinenden Sopran.

Das kleine, historisch angereicherte Ensemble aus dem Philharmonischen Orchester Heidelberg zaubert unter Leitung von Davide Perniceni facettenreich und individuellen Klangfarben für viele der Arien, und wieder einmal wollen wir die Blockflöte hochleben lassen. Bei der Wiederholung der Schlussnummer als Zugabe mit dem Dirigenten auf der Bühne wurde ferne das Tanzbare von Barockmusik wieder offenbar.

Rokokotheater Schwetzingen: 6., 9., 14., 23., 27. Dezember. www.theaterheidelberg.de

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